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Liebesbrand – Feridun Zaimoglu liest im Theater an der Ruhr aus seinem neuen Roman

Wirklichkeit? Schnell weg da!

von Wolfgang Behrens

18. Mai 2008. Feridun Zaimoglu liest: In der einen Hand hält er ein Wasserglas, an dem er manchmal nippt, um seiner Stimme ihre leicht nasale Geschmeidigkeit zu erhalten, mit der anderen Hand dirigiert er seinen Vortrag. Die Hand folgt dem Rhythmus – oder gibt sie ihn vor? –, sie phrasiert, formt und fährt nach, sie skulpturiert aus den Worten plastische Figuren. Und manchmal wippt auch der Oberkörper leise mit, oder der Kopf.

Zaimoglu ist kein Rapper oder Poetry Slammer, nie schiebt sich der Rhythmus oder die Melodie verdeckend vor den Sinn der Worte, doch wer ihn lesen hört, besser noch: Wer ihn lesen sieht, der erlebt einen, der sich am Körper der Sprache abarbeitet. Einen, der Sprache inszeniert. Dem Sprache mehr ist als das bloße Medium, in dem er eine Geschichte erzählen will.

Der Kern ist die Sprache

Im Grunde ist das eine banale Feststellung, denn Zaimoglu ist Schriftsteller – und welcher Schriftsteller würde von sich sagen, der Klang der Sprache sei ihm egal? Der Hinweis auf die Arbeit am Sprachkörper ist bei Zaimoglu aber durchaus nicht überflüssig, da er sich in seinem Werk oft an der Schwelle zum Dokumentarischen bewegt.

Im letzten Jahr etwa gastierte in Mülheim sein monologisches Stück "Schwarze Jungfrauen", das auf Interviews mit jungen kopftuchtragenden Musliminnen beruht. Und vor einem Monat kam sein neues Stück "Schattenstimmen" in Köln zur Uraufführung, auch hier bilden Interviews die Grundlage für neun Monologe illegal in Deutschland lebender Einwanderer. Und so wird der Autor nicht müde, darauf hinzuweisen: "Der Kern ist die Sprache." Natürlich ist das Originalmaterial in Zaimoglus Stücken sprachlich überformt. Nichts, was Zaimoglu schreibt, erschöpft sich im planen Realitätsbezug.

Realität und Recherche

Sein neues Buch, das Zaimoglu bei den "Stücken" im Theater an der Ruhr im Gespräch mit dem Literaturkritiker Hubert Winkels vorstellt, ist über jeden Verdacht bloßer Wirklichkeitsnachzeichnung erhaben: Zu sehr steckt "Liebesbrand" voller absichtsvoller Unwahrscheinlichkeiten und Brüche. Und doch offenbart Zaimoglu im Dialog mit Winkels, wie vielfältig gewunden der Realitätsbezug auch eines solchen Romans ist – dass der Busunfall, den der Held zu Beginn des Buches nur knapp überlebt und aus dem er als ein Gewandelter und zur Liebe Entbrannter hervorgeht, dem Autor tatsächlich in ähnlicher Weise widerfahren ist, ist dabei das Geringste.

Aufschlussreich sind jedoch eher die Einblicke, die Zaimoglu in seine Recherchearbeit gewährt. Er bereiste ausgiebig die Schauplätze seines Romans, an die der Ich-Erzähler einer Frau folgt, der er seit dem Busunfall in unbedingter Liebe verfallen ist: in die norddeutsche Kleinstadt Nienburg, später nach Prag und Wien. Dort interessierte sich Zaimoglu aber weniger für bestimmte politische oder soziale Konstellationen, wie sie sich im postkommunistisch zusammengerückten Europa herausgebildet haben, als vielmehr für "Geläufigkeiten und Riten", wie sie die Menschen aus gleichsam mythischen Tiefen her kennzeichnen.

Löcher, Sprünge, Risse

Das Ergebnis ist verblüffend: Die jeweiligen Stadtatmosphären entstehen bei Zaimoglu nicht – oder fast nicht – aus sachlich beschreibender Darstellung, sondern werden aus einem Strudel von kühnen Sprachbildern, irrwitzigen Legenden und absurd abergläubischen Verhaltensweisen beschworen. Prag und Wien sind in "Liebesbrand" keine Städte aus Stein, sondern Städte aus seltsamen Worten und Geschichten. Denn, so sagt es Zaimoglu im Gespräch, "das Wichtige sind die Worte." Hier und da gebe es auch "kurz Wirklichkeit, aber dann heißt es: schnell weg da."

Wenn die Charaktere in "Liebesbrand" ganz und gar merkwürdige Wendungen durchlaufen, wenn etwa die bedingungslos Angebetete des Helden sich von einer spröde-rationalen Norddeutschen zu einer (ver-)glühenden Katholikin wandelt, wenn sich die Figuren mit größter Selbstverständlichkeit Dinge sagen und zufügen, die kaum mehr im zivilisierten Umgang wurzeln, dann setzt Zaimoglu auf etwas, das er selbst "Mittel der Unschärfe" nennt. In seine Sprache, die syntaktisch immer wohlgeformt und klar bleibt, brechen dann plötzlich semantische Löcher ein, Sprünge, Risse, in die man als Leser hineintaumelt – Unlogisches, Surreales, lose bis gar nicht Verknüpftes tritt nebeneinander und behauptet mitunter Begründungszusammenhänge, wo keine sind. Von diesen Löchern geht ein eigenartiger Sog aus, und dieser Sog wiederum beglaubigt noch das Unwahrscheinlichste, was in "Liebesbrand" passiert. Zaimoglus Worte tanzen so über eine prosaische Realität hinweg. Und Zaimoglus Hand tanzt mit.

Auf nachtkritik.de können Sie mehr zu den Inszenierungen der Theatertexte von Feridun Zaimoglu und Co-Autor Günter Senkel lesen: "Molière. Eine Passion", "Schattenstimmen" in Köln und Kassel.

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