| Drucken |

Heute beginnen die "Kinderstücke" – das Theaterfestival für die Kleinen ist ein erfolgreiches Beispiel ästhetischer Nachwuchsförderung

Theater ist Pflicht

von Esther Boldt

14. Mai 2008. Spätestens seit PISA stoßen kluge kulturelle Ambitionen auch in der Politik auf offenere Ohren. Denn wo sich Eltern aus Kostengründen oder Desinteresse wenig um die kulturelle Bildung ihrer Kinder kümmern, muss dies der Staat verstärkt tun. Positive Auswirkung in Mülheim: Im letzten Jahr wurde der "Stücke"-Etat um 80.000 Euro aufgestockt. Das Land Nordrhein-Westfalen erhöhte den Zuschuss für das Festival um 40.000 Euro, die Stadt Mülheim legte noch einmal die gleiche Summe drauf. Praktisch bedeutete das die Neueinrichtung des Symposiums, des "Fests" – und der "Kinderstücke". Seit der Gründung der "Stücke" hatte es immer wieder auch Kindertheateraufführungen gegeben, 2007 haben diese einen festen Platz im Festival-Rahmenprogramm erhalten.

Und der Erfolg spricht für sich: "Im letzten Jahr wurden die ersten 'Kinderstücke' durchweg positiv angenommen", erzählt Festivalleiter Udo Balzer-Reher hoch zufrieden. "Wir hatten eine Auslastung von 100%, insgesamt waren es 1500 Besucher in fünf Tagen." Wie das Rahmenprogramm insgesamt stehen die "Kinderstücke" unter den Vorzeichen einer Öffnung zur Stadt hin, die ein breiteres Publikum ansprechen soll.

Kinder ernst nehmen

Inhaltlich und konzeptionell wird eng an die Erwachsenen-"Stücke" angeschlossen, auch bei den Kleinen wird auf zeitgenössische Dramatik gesetzt. Grimm'sche Märchen wird man hier also nicht zu sehen kriegen. Dafür in diesem Jahr sechs Stücke von Gegenwartsautoren, etwa "An der Arche um acht" von Ulrich Hub in einer Inszenierung vom Consol Theater Gelsenkirchen und "Ein Schaf fürs Leben" nach dem Buch von Maritgen Matter und Anke Faust, inszeniert vom Theaterhaus Frankfurt. Keine seichten Stoffe – Kinder sollen ernst genommen werden, nicht bevormundet. Die Pläne gehen aber noch weiter: Ab 2010 sollen die "Kinderstücke" zusätzlich aufgewertet werden, indem sie ein solideres Fundament erhalten. Analog zu den "Stücken" soll es ab dann eine Jury geben, ebenso wie einen Kinderdramatikerpreis.

"Mit der Reaktivierung des Kindertheaters leisten wir einen Beitrag zur ästhetischen Bildung. Das ist ein Baustein innerhalb eines Gesamtkonzepts, das vom Festival für freies Theater 'Impulse', über die 'Stücke' bis zu den 'Kinderstücken' führt", erklärt Balzer-Reher. Denn das Engagement des Kulturbetriebs Mülheim, für dessen Theaterbüro er zuständig ist, beschränkt sich nicht nur auf das Festival – das Kindertheater wird ganzjährig gefördert. Dabei orientieren sich die Mülheimer am Osnabrücker Modell. Dort ist für jedes Kind einmal im Jahr ein Konzert- und ein Theaterbesuch Pflicht. "Wir üben durchaus einen sanften Zwang aus", lacht der Festivalleiter. "Jedes Kind in der ersten Klasse wird einmal in eine Aufführung geschleppt."

Offensiver Hemmschwellenabbau

Schon jetzt gibt es eine eigene Spielstätte, ein Zelt auf der Schleuseninsel, mitten in der Ruhr. "Es war uns wichtig", sagt Festivaldramaturgin Stephanie Steinberg, "einen eigenen Ort zu schaffen, der attraktiv, zentral und sichtbar ist." Gemeinsam mit Frieder Saar, der sonnenverbrannt vom Zeltaufbau zum Gespräch erscheint, kuratiert Steinberg die Kinderstücke.

Schwierigkeiten der Kinder, mit der Kunstform Theater umzugehen, hat Saar nicht ausmachen können. "Es gibt ein umfassendes Programm, die Lehrer erhalten Material zu den Aufführungen und erarbeiten teilweise ganze Spielszenen mit ihren Klassen. Aber auch bei anspruchsvollerem Stoff – letztes Jahr hatten wir beispielsweise eine Dichterrevue von Jandl bis Brecht zu Gast – haben die einen irren Spaß." Dieser offensive Hemmschwellenabbau trägt erste Früchte: Bei einer Schreibwerkstatt mit Schülern der Mülheimer Karl-Ziegler-Schule entstanden derart interessante Texte, dass die Schauspielerin Maria Neumann vom Theater an der Ruhr sie unbedingt inszenieren wollte. "Hexen hexen" ist nun im Rahmen des Festivals zu sehen, als erste Eigenproduktion.

Ein Leitthema seiner gesamten Arbeit mit Kindern sei die Sprache, sagt Frieder Saar, sie sei grundlegend für die Sozialisierung und zum Hineinwachsen in eine Kultur. "Im letzten Jahr hatten wir hier ein Sprachcamp mit der Uni Bochum, für Kinder, die nicht so gut Deutsch sprechen. Nachmittags wurde inszeniert, 'Der Sprachabschneider' von Joachim Schädlich. Am Ende wurde es sogar in der Volkshochschule aufgeführt." Da traf es sich gut, dass das Junge Staatstheater Wiesbaden kurze Zeit darauf die Deutsche Erstaufführung des "Sprachabschneiders" zeigte – die nun in Mülheim zu sehen ist. "Wenn die Kinder hier das Stück sehen, haben sie sich im besten Fall schon ein halbes Jahr damit beschäftigt", freut sich Saar. "Das nenne ich Nachhaltigkeit."

Lesen Sie hier unsere Nachtkritiken zu den "Kinderstücken": "Ein Schaf fürs Leben", "Der Sprachabschneider", "Ein Wort ist ein Wort", "Hexen hexen immer". Und einen Miniblog.

Kommentare (0)add comment

Kommentar schreiben
kleiner | groesser
 

busy