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Das Symposium "Im Treibhaus der Generationen" untersuchte während der Stücke '08 das Verhältnis von Jung und Alt – dessen Zukunft bleibt offen

Warum gleich ein Kampf der Kulturen?

von Esther Boldt

12. Mai 2008. Die Diagnose ist eindeutig: Die Politik und Medien beschreiben das Verhältnis der Generationen als angespannt. Im Generationenkonflikt geht es mit klassenkämpferischer Gebärde um die Verteilung von Ressourcen, öffentlichen Geldern und Arbeitsplätzen. Auch beim Symposium "Im Treibhaus der Generationen" wurde einmal mehr deutlich, dass hier nicht nur Verhandlungsbedarf, sondern Handlungsbedarf besteht. Schon zum zweiten Mal fand im Rahmen der "Stücke" ein Symposium statt, das inhaltlich eng an den Spielplan anschloss, der mit Themen wie perspektivloser Jugend ("Heaven"), dem RAF-Diskurs ("Liebe ist kälter…") sowie der verstümmelten, medialisierten Sprache ("Lieblingsmenschen") aufwartete. Folgerichtig konzipierte Frank Raddatz drei Tage zum Thema Generationen.

Alles begann im Sturm und Drang

Beim Symposium wurde dies mit primär volkswirtschaftlichem Vokabular diskutiert, das die Geisteswissenschaft für sich entdeckt zu haben scheint – möglicherweise Ausdruck einer weitergehenden Sprach- und Ratlosigkeit. Im Verlauf führten sechs Podien vom 18. Jahrhundert über die frühen Avantgarden um 1900 zu den 68ern bis zur Gegenwart. Entdeckt wird die Differenz zwischen Jung und Alt 1770, wie der Literaturwissenschafter Dr. Heinrich Bosse erklärt. Als erste Jugendbewegung forderte der "Sturm und Drang" offensiv gesellschaftliche Veränderungen ein, einen eigenen Platz zum Handeln, "eine Freiheit, und sei es das Chaos". Fortan wird die Jugend als Lebensphase definiert, die schöpferisches Sein und Handeln in den Vordergrund stellt. Damit trägt die Jugend die Verantwortung für die Veränderungsdynamik einer Gesellschaft, und vielleicht ist es nicht zu weit hergeholt, die Entwicklung des Generationen-Begriffs auch mit dem aufkommenden Fortschrittsdenken der Moderne zusammen zu sehen.

Hier trat offen die Differenz zur Gegenwart zutage, wird doch heute die Jugend nicht mehr als erste und einzige Phase verstanden, in der gesellschaftliches Wirken, Produktivität und Gestaltungswillen stattfinden. Waren die frühen Avantgarden und auch die 68er solche Generationen, die die Welt vom Alten bereinigen wollten, um sie neu und anders denken zu können, so ist heute anstelle des Nacheinanders der Generationen ein Nebeneinander und Zugleich getreten. Grenzen zwischen den verschiedenen Lebensphasen verschwimmen, die 50jährige Madonna legt für ihr neues Album "Hard Candy" ihre Lederkluft aus den 80ern wieder an, Musikgeschmack und Modetrends haben generationenübergreifend Gültigkeit, und auch 65jährige "Movers & Shakers" möchten gestalterisch Einfluss nehmen. Was Carl Mannheim zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch als eine Generation definierte – Menschen, die sich einen Zeithorizont, eine gemeinsame Erfahrung teilten –, scheint in diesem Neben- und Gegeneinander nicht mehr zu gelten. Ob diese verschwimmenden Grenzen ein Konkurrenzverhältnis herstellen, das wurde auf dem Symposium einerseits bekräftigt, andererseits infrage gestellt: Ist diese Diagnose vom Generationenkampf nicht nur eine Strategie, um einen tatsächlich stattfindenden Verteilungskampf zu maskieren?

Generationenkampf als maskierter Verteilungskampf

Anschaulich und handfest schildert Prof. Dr. Ingrid Breckner, Stadtplanerin der TU Hamburg-Harburg, die Auseinandersetzung um Lebensraum: Sobald in der Nähe von "Singlehaushalten", in denen häufig allein stehende Berufstätige oder Rentner leben, Kinderspielplätze gebaut würden, hagele es Beschwerden, die zur Schließung führen. "So entstehen zahllose Spielplatzruinen." Breckner beschreibt den Stadtraum als "Kampfplatz der Generationen um Dienstleistungsnähe, Mobilitätschancen und die Verteilung der öffentlichen Gelder." Wie im Spielplatz-Beispiel steht dabei weniger Jung gegen Alt im Zentrum, als eine ausgeprägte Intoleranz anderen Lebensumständen gegenüber. Deswegen könne, was als "Generationenkampf" proklamiert wird, auch als Verteilungskampf gesehen werden. Dieser Verteilungskampf steht unter den Vorzeichen des wachsenden globalen Drucks, des diffusen Bedrohungsszenarios, das schon in der Eröffnungsdebatte anklang: Der Platz auf Erden ist begrenzt, die Ressourcen sind knapp. Bei einer gestiegenen Lebenserwartung verweilen die Älteren länger auf ihren gesellschaftlichen Plätzen und blockieren so den Nachwuchs.

Zur historischen Unterfütterung und Präzisierung dieses komplizierten Verhältnisses leistet die Bochumer Theaterwissenschaftlerin Prof. Dr. Ulrike Haß einen maßgeblichen, höchst spannenden Beitrag. Klassischerweise regele der Begriff der Generationen die Nachfolgeregelungen. "Väter" und "Söhne" beschreibt Haß als gesellschaftliche Positionen, als Ämter, die weiter gegeben werden – damit aus Söhnen Väter werden können, müssen die Väter ihnen diesen Platz erst einmal freimachen. In der Gegenwart sei diese Generationenfolge durcheinander gekommen, die tradierten Plätze in der Gesellschaft werden nicht mehr weitergegeben: "Das Drama ist aufseiten der Nachkommen, die nicht mehr wissen, wie Platz einzunehmen ist, und eine Nullrunde einlegen müssen. Die Generationen rutschen ineinander, sie delirieren."

Stühle rücken, Plätze einnehmen

Dass Ulrike Haß mit ihrem auf Pierre Legendre zurückgreifenden Modell einen Nerv getroffen hat, zeigt zum einen, dass andere Podiumsgäste wie auch das Publikum es gewinnbringend aufgreifen und einsetzen. Strukturell aber, auf der Ebene der Veranstaltung selbst, wird es mit nahezu absurder Deutlichkeit illustriert: Die Referenten sind fast ausschließlich im Alter zwischen 45 und 65 Jahren. Eine geschlossene Gesellschaft, in der eine Ausnahme die Regel bestätigt: der 29jährige Dramaturg und Theaterwissenschaftler Fabian Lettow. Er macht diese Diskrepanz gleich zum Thema seines Vortrags: Wer bestimmt die öffentlichen Diskurse? Wer erhält Platz zum Sprechen? Er leitet die Krise der genealogischen Ordnung historisch aus dem 20. Jahrhundert her und lässt seine Analyse in der neoliberalen Gegenwart münden, die an die Stelle des demokratischen Modells der Generationenfolge das vereinzelte Subjekt setzt, das für sich selbst verantwortlich ist – Modell "Ich-AG". In einer hochkomplexen, abstrakten und anonymisierten Umwelt ist kaum Widerstand möglich, wie Lettow sagt: "Ich weiß gar nicht, wohin ich Revolution machen soll." Es gehe darum, der Jugend einen gesellschaftlichen Platz einzuräumen, "um überhaupt vorkommen zu dürfen, und nicht erst mit 46 Jahren." Und Frank Raddatz merkt lakonisch an, den demographischen Statistiken nach sei die Jugend ein "Minderheitenproblem."

Wir haben es mit einer offenen Zukunft zu tun

Es ist fast zynisch, dass sich der inhaltlich thematisierte Konflikt in der Auswahl der Redner spiegelt. Hier leistet sich Raddatz übrigens einen herb-komischen, vielleicht sogar Freud’schen Versprecher, indem er zum Abschluss sagt, er habe "ja gar keinen Dialog der Kulturen – äh, Generationen" in Gang setzen wollen. Ist der Kampf der Generationen also ein Kampf der Kulturen? Wege aus der verkeilten, alternativlos scheinenden Zwangslage brachte Ingrid Breckner auf den Punkt: "Wir haben es mit einer offenen Zukunft zu tun." Es kann nun nicht darum gehen, diese mit unrealisierbaren utopischen Entwürfen zu verbauen. So lautet die Frage, wie Fabian Lottow sie im Hinblick auf Ingrid Breckner formulierte: "Wie gestaltet man das Offene? Was zugleich auch heißt: den öffentlichen Raum?" Denn im Offenen sei Platz für Heterogenes, Unvereinbares, zugleich aber auch für die Auseinandersetzung und den Diskurs.

Lesen Sie hier unseren Bericht vom Eröffnungsgespräch des "Stücke"-Symposiums.

Kommentare (2)add comment
Die Gestaltung des Offenen
geschrieben von Luise Weitfeld , 13. Mai 2008, 17:05

Dass die in den eingeladenen Stücken mitverhandelten Themen auf einem Symposium tiefergehend behandelt werden, halte ich für eine sehr gute Idee. Das diesjährige Generationen-Symposium ließ sich zumindest thematisch gut als Folgeveranstaltung zum letztjährigen Symposium "Facetten der Angst" verstehen. Allerdings blieb es für mich insbesondere an zwei Punkten hinter dem Angst-Symposium zurück: Die Moderation von Herrn Epkes machte mehr als oft den Eindruck, als würde ihn nicht nur das Thema nicht interessieren, sondern auch eine zielführende Moderation. Zu oft räumte er den Referenten zu viel Redezeit ein, was dann besonders unangenehm war, wenn seine Fragen an die Referenten für die eigentlich notwendige Diskussion belanglos waren und das Publikum teilweise nicht mehr zu Wort kam (was eine Zuhörerin auch laut kritisierte). Auch inhaltlich blieb das Symposium (Haß, Breckner und Lettow ausgenommen) hinter meinen Erwartungen zurück. So notwendig manchmal ein geschichtlicher Abriss bis in die Gegenwart zur Begriffsbestimmung ist, die wichtigste Frage wurde erst am Ende vom mit Abstand jüngsten Referenten Lettow (der im Übrigen als einziger Einzelapplaus bekommen hat!) gestellt: die Frage nach der Gestaltung der offenen Zukunft.

Der Macher Frank M. Raddatz hätte lieber den "Dialog der Kulturen - äh, Generationen" in Gang setzen wollen sollen, dann hätte er zum Abschluss interessantere Dinge sagen können als von sich selber und seinem persönlichen Bezug zum Thema zu reden. Das Theater an der Ruhr und die Stücketage wären ein wunderbarer Platz dafür gewesen, und mit den inhaltlichen Vorlagen von Haß, Breckner und Lettow um vieles spannender. Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen ihre eigene Veranstaltung ernst nehmen und im nächsten Jahr mehr Platz schaffen für frische Ideen und Gedanken. Nur wohin dann mit den "Vätern"?



blickdicht
geschrieben von laika , 13. Mai 2008, 19:05

die gute idee in allen ehren, aber ich habe mich auch sehr darüber gewundert, dass der moderator praktisch nicht moderiert hat, sondern das gespräch so rumplätschern ließ (von wortkargen überleitungen wie "und was sagen sie dazu?" einmal abgesehen). so kam es sehr darauf an, ob sich ein gespräch zwischen den podiumsgästen entwickelte oder sie nur monologe hielten. ganz zu schweigen davon, dass es für mich völlig unklar war, wer der podiumsgäste warum eingeladen war - hier wäre mehr transparenz notwendig gewesen. etwa indem die gäste ausführlicher vorgestellt werden und die stoßrichtung des podiums klarer gesetzt wird in diesem doch sehr weiten themenfeld.



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