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Ihr Mülheim-Siegerstück "Das Kapital" liegt als Verlagsfassung vor – nun sagen Rimini Protokoll: Bühne frei für Neuinszenierungen!

Risiko und Aufbruch

E-Mail-Interview: Jan Oberländer und Anne Peter

Helgard Haug und Daniel Wetzel, in der letztjährigen Debatte wurde die Nachspielbarkeit Ihrer Skripts als Bedingung für ihre Eigenschaft als Theater-"Stücke" diskutiert.

In der Jury-Debatte war auch davon die Rede, aber ausgehend davon, dass unser Stück erstmal eben nicht als Spielvorlage entstanden ist, sondern mit Leuten, die als Protagonisten anwesend sind. Unsere Stücktexte sind meist eher Protokolle im Sinne einer Liste von Verabredungen. Manches ist dann im Wortlaut fixiert, anderes über Stichworte eingegrenzt. Unsere Produktion "Zeugen!" von 2004 wurde überwiegend in der dritten Person aufgeschrieben. Das haben wir abgeguckt bei den Textvorlagen für die Gerichtsshows im Fernsehen. Beim "Kapital" ist aber, wie bei den meisten Bühnen-Stücken, Zeile für Zeile durch einen komplexen Prozess der Erarbeitung und Fixierung gegangen – abgesehen von den Witzen und den Dingen, die den Leuten auf der Bühne einfallen, während sie da stehen. Was keine Nebensache ist, sondern total wichtig: Dass sie nicht abspulen, sondern während des Auftritts so denken können, dass ihnen nicht nur 'ihr Text', sondern auch ab und zu mal was Neues dazu einfällt. Ansonsten ändert sich beim "Kapital" ortspezifisch manches – über Marx' "Kapital" zu sprechen ist ja in Modena was anderes als in Prag. Im frankophonen Raum steht statt dem jungen Kommunisten ein junger Anarchist auf der Bühne. Aber im Wesentlichen können wir mittlerweile mitsprechen, was da auf der Bühne gesagt wird.

Ist es für Sie denkbar, die vorhandenen Ablaufpläne Ihrer Produktionen zu veröffentlichen, so dass Arbeiten wie eben "Das Kapital" oder etwa auch "Wallenstein" mit Schauspielern nachinszeniert werden können?

Ja. Wer die Niederschriften von unseren Stücken lesen will, der bekommt sie von uns, solange wir ihm vertrauen – weil sie meist nicht als druckreife Texte redigiert sind, sondern Arbeitstexte, mit denen wir so lange beschäftigt sind, wie die Stücke aufgeführt werden. "Karl Marx: Das Kapital, Erster Band" kann man aber vom Verlag Hartmann & Stauffacher bekommen. Der Verlagsfassung haben wir eine Erläuterung vorangestellt, in der es unter anderem heißt: "Der hier vorliegende Text ist ein Wortlautprotokoll von Aufführungen des Stückes in Brüssel und Mülheim 2007. Er wurde nicht geschrieben, damit er andernorts genauso inszeniert werde. Er wurde festgehalten, weil er im Ergebnis beispielhaft dafür ist, was passiert, wenn man die Ausgangsfrage dieses Theaterstücks ernst nimmt. Er ist eine Arbeits-Mitschrift zur Orientierung und zur Inspiration für weitere Aufführungen mit acht Menschen, wie denen, die von Haug / Wetzel in einem aufwendigen Rechercheprozess gefunden und ausgewählt wurden."

Die Tür für andere Arbeiten auf Basis dieses Textes ist also offen. Wie aber andere unseren Text als Material nutzen – das müssen die entscheiden. Wir können nicht entscheiden, was sie damit anstellen wollen und wollen nicht entscheiden, was sie dürfen. Wir gehen einfach mal davon aus, dass sie triftige Gründe für den Versuch hätten. Jetzt könnte man sagen: Der Dramatiker kennt die triftigen Gründe dafür, weshalb andere sich seinen Text aneignen und spielen sollten, sonst ist sein Text kein Drama. Aber das ist akademisch oder ökonomisch und für uns kein Gradmesser bei der Arbeit, es sei denn als Rotes Tuch. Wir gehen ja auch so heran an die Texte anderer: Wir haben Gründe, die Schiller oder Marx nicht vorschweben mussten. Alle, die einen Aischylos inszenieren – um ans andere Ende der Kette der Texte zu schauen, die als Dramen Preise gewonnen haben – haben ihre eigenen Gründe. Wir arbeiten an einem anderen Ort als dem, für den diese Texte geschrieben worden sind.

Aber Sie arbeiten doch im Theater?

Bloß hat das Theater seinen Namen von den Zuschauern und nicht von der Bühne. Deshalb war es für uns ein sehr ermutigendes Erlebnis, dass dieser Spaß an der Entdeckung neuer Möglichkeiten und Formen dafür, wie wir einander im Theater gerade in unserer Fremdheit wahrnehmen können, mit Wünschen und überhaupt rissigen Selbstbildern, in so einem Raum wie dem Theater andere Erfahrungen machen und damit weiterdenken können – dass das auch bei solchen Institutionen wie einem Dramatikerpreis Widerhall und Freunde finden kann. Das heißt doch einfach Risiko und Aufbruch. Das ist doch super!

Helgard Haug und Daniel Wetzel haben am Giessener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft studiert und arbeiten gemeinsam mit Stefan Kaegi unter dem Label Rimini Protokoll. 2007 gewannen sie mit ihrer Produktion "Das Kapital. Erster Band" in Mülheim sowohl den Dramatikerpreis als auch den Publikumspreis. Die Gruppe unterhält ein Büro in Berlin.

Zu Folge eins des nachtkritik-Interviews mit Helgard Haug und Daniel Wetzel gelangen Sie hier. Über die Figuren-Echtmensch-Gegenüberstellung anlässlich der "Stücke"-Eröffnung dachte Morten Kansteiner nach.

Mehr zu Rimini Prokoll lesen Sie auf nachtkritik.de: nämlich zu ihrem Wallenstein, zur Uraufführung: Der Besuch der alten Dame, der Peymannbeschimpfung, zu Breaking News und 100 Prozent Berlin.

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