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tütentheater

von Kathrin Röggla

in tüten füllen, alles in tüten füllen! dieses gefühl entsteht bei mir oft, wenn ich ans theater denke. theater als ort, an dem dinge in tüten gefüllt werden: texte in figurentüten, figuren in handlungstüten, doku-material in doku-soap-tüten. und rahmen werden gebaut, in die man material auf immer die gleiche weise stellen kann. als herrschte eine gewisse unempfindlichkeit ja beinahe schon gleichgültigkeit gegenüber dem material. aber im zeitalter der maschen erweist sich das tütensystem äußerst praktikabel, weil es ja auch darum geht, den markt zu überschwemmen, möglichst viel und möglichst schnell zu arbeiten. das ist die umkehrung des genie-bildes, wie es heute existiert: das bild des sich verausgabenden künstlers, autors, schauspielers, der überall gleichzeitig ist, aus allem etwas macht. das nervt, denke ich mir, gleichzeitig ertappe ich mich beim neid – und ärgere mich wiederum darüber. irgendwo wäre ich natürlich auch gerne ein genie, eine überproduktive person, aber ich werde von neugier behindert, von materialschlachten behindert, von antipragmatismus behindert, von umwegen, die mich belagern, die aber irgendwie notwendig erscheinen.

doch zurück zu den tüten: figurentüten wollen prall gefüllt werden, aber nicht zu prall, damit dem schauspieler auch noch was einfallen kann. er braucht ja lücken, er braucht ja leerstellen im text, hört man immer wieder, doch diese leerstellen dürfen nicht beliebig daherkommen und sie dürfen nicht zu groß sein, denn dann begibt sich nämlich der schauspieler wie ein kannibale auf die suche nach "fleisch für seine rolle", wie das ingoh brux, mein dramaturg aus einer düsseldorfer produktion, bezeichnet hat. und das will man doch vermeiden. manchmal habe ich das gefühl, dramatisches schreiben ist als kunst, die leerstellen richtig zu setzen, zu begreifen. was mir irgendwo sogar gefällt, nur wenn sich das zum leerstellenkitsch auswächst, wird es schlimm. wenn die tütigkeit übernimmt.

an anderen orten wird doku-material in doku-soap-tüten gefüllt, aber nicht zu komplex, sonst sinkt der unterhaltungswert. um gottes willen! das darf ja gar nicht passieren! überhaupt: was ist dem zuschauer noch zuzumuten? und was unterhält ihn? mich unterhält ja nicht dasselbe wie meinen nachbarn. aber an das wird ja weniger gedacht, denn alle unterhalten wie verrückt, holen die leute ab, liefern ihnen, was sie vermeintlich wollen und verlaufen sich in diesem imaginären publikum, aus dem sie nie wieder rausfinden werden, diesem "mainstream ohne minderheiten". und so entstehen sie rund um uns, die "durcherlebbaren theaterabende".

ja, durcherlebbare theaterabende nach den "durchhörbaren sendungen", über die mich eine wdr-redakteurin informierte – es gelte jetzt andauernd "durchhörbare sendungen" zu produzieren, was im kulturradio, in dem es um auswahl geht, ein absurdum an sich ist – aber vorher gab es ja auch schon "durchlesbare bücher" und "durchsehbare filme". wir befinden uns in einer langen reihe der allseits beschworenen durcherlebbarkeiten, als gäbe es keine neugier mehr. nur, ich möchte gar keine durcherlebbare theaterabende! ich ahne die langeweile, die sie auslösen könnten.

mit den durcherlebbarkeiten verwandt ist vielleicht auch die behauptung des eins-zu-eins, die in den audiovisuellen medien um sich gegriffen hat. und so wird auch der übersetzungsvorgang von wirklichkeit auf die bühne nicht selten als möglichst kurz und unscheinbar zu haltender transportvorgang erachtet, es wird quasi hochgeschubst auf die bühne, was sich auf der straße tut. theater als abbild oder höchstens zuspitzung der sozialen realität geht aber nicht selten einher mit einer neuen form von illusionstheater, die allerhöchstens mit dem virtuellen kokettiert, wie in der inszenierung von "signa" eben beim theatertreffen zu sehen war. eine performance, die nur goutiert werden kann, wenn man sich voll und ganz der angebotenen wirklichkeit überantwortet. solche experimente sind interessant, aber sie kassieren eigentlich die formfrage ein. vor allem für die autoren. denn um sprache und sprechen geht es dabei selten. es wird formlos, improvisiert gesprochen. alltagssprechen und fachsprachen finden in einem gesetzten rahmen statt und kommen scheinbar ohne inszenierung aus. die ästhetik wird aus der sprache ausgelagert. man verstehe mich nicht falsch, hier geht es nicht um den einfachen gegensatz zwischen experimentellem dokumentartheater und der kunstsprache vermeintlich verstaubter autoren, ich bin ja kein privatsprachenfan. es geht mir um ein ästhetisches denken von sprache auf der bühne, das sich noch um einen materialbegriff bemüht.

leider scheint mir sprache und sprechen im moment das unwichtigste moment eines theaterabends zu sein, bei gegenwartsautoren wird auch schnell einmal die sprachregie vernachlässigt, wo sie bei schiller und co. als notwendig erachtet wird. und wie viel lese ich in den derzeitigen theaterkritiken über die sprache? wenn die texte erwähnt werden, dann nur in bezug auf ihre "geschichte", auf ihre figuren, auf ihren "inhalt". auch habe ich an vielen theaterabenden der letzten jahre eine menge gesehen, aber relativ wenig gehört.

im tütenparadies geht es darum, abstände zu verkleinern, den abstand zum publikum, den abstand zur wirklichkeit, der abstand zu den figuren. als gälte es, ein abstandsloses sprechen zu erzeugen.

dabei könnte gerade die sprache widerstand gegen gewisse verlockungen des mediums bieten – eben nicht aufgehen in einer scheinbaren präsenz. dem reality-sog. sie könnte das präsens thematisieren, denn was ist denn dieses hier und jetzt auf der bühne? was geschieht denn da? bzw. auf welches geschehen nehmen wir bezug?

mich interessiert ein theater, das mit authentizität spielt und ihr mit höchster künstlichkeit begegnet, ein theater, das seinen rahmen mitdenkt, seine medialität reflektiert. das ein sprechen zulässt, welches sich nicht gleich ausradiert, das einen sprachkörper sichtbar werden lässt, der über die figuren hinausgeht. ein theater, das nicht so tut, als ob die sprache einzig dazu da ist, in figuren zu versickern, damit die dann möglichst plastisch dastehen.

ja, ich wünsche mir ein theater, das nicht im spektakulären bild hängenbleibt, sondern in bewegung ist, das die präsenzmaschine, die es reitet, mit nichtpräsenzen, abwesenheiten, sich entziehendem gleichermaßen füllt, denn das wäre wirklich mal eine realistische haltung.

Kathrin Röggla schreibt Prosa, Hörspiele und Theatertexte. Stefan Müllers Inszenierung von "draussen tobt die dunkelziffer" (Maxim Gorki Theater, Berlin) war 2006 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Zuletzt wurde ihre "publikumsberatung (eine schüchterne veranstaltung)" im Theater am Neumarkt in Zürich uraufgeführt.

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