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Mikro-Heroen
oder: immer noch nicht genug vom Bastard Pop

von Jörg Albrecht

"Bastard Pop (auch Mash-up genannt) ist ein Mitte der 1990er entstandenes Remixphänomen, bei dem eine Musikcollage aus Stücken von zwei oder mehr Interpreten zusammengemischt wird. Dazu werden meist die Gesangsspur eines Titels und Instrumentalspuren eines anderen Titels verwendet. Der Reiz des Bastard Pops besteht dabei darin, dass meist Titel unterschiedlicher Stile zu einem neuen gemixt werden. Bevorzugte Quellen der Künstler sind dabei der Glam Rock der 70er, New Wave der 80er und One-Hit-Wonder der 90er Jahre."
Wikipedia

1 more more more mash-up!

Ich habe keine Lust, mich zu ergeben, nur weil alles schon erzählt ist, im Theater, in der [gedruckten] Literatur oder in der Mode. Ich habe keine Lust, die Schlussfolgerung daraus mitzumachen, nämlich die, dass Gegenwart nicht radikal als Gegenwart beschrieben werden muss, weil sie schon einmal radikal beschrieben worden ist. Wahrnehmung ändert sich, auch wenn das Gehirn sich anatomisch schon lang nicht mehr geändert hat, das Update geht dennoch vor sich, jeden Tag.

Deshalb ist die Gegenwart wichtig, und wenn sie nur ist, was sie immer schon war: ein Remix aus Bestandteilen, die du schon kennst und aus welchen, die du noch nicht kennst oder mal kanntest, so wie im Bastard Pop: We actually hear how these songs resonate with one another, comment upon and affect one another, in a way, the music speaks for itself. Wahrnehmungsweisen, die das tägliche Leben bestimmen und Wahrnehmungen hervorrufen, die eben für sich selbst sprechen, aber nicht laut genug, dass sie überall hindringen.

Am Theater mag ich, dass es die Kraft hat, diese Wahrnehmungen erlebbar zu machen, weil man ausnahmsweise auch ohne Display dabei ist. Hier ist so viel möglich, wie der Beginn des 20. Jahrhunderts gezeigt hat, und damit muss ich als Autor arbeiten, wenn ich das Theater als Medium ernstnehme, als Medium ästhetischer Kommunikation. Jochen Hörisch sagt: Medien aller Art wollen vermitteln, was zusammengehören will und doch nicht zusammenkommen kann. Das ausreizen, indem auch der Text will, dass in ihm Themen zusammengehören, die sonst nie zueinander finden würden, ein Text, der das will und doch nie hinbekommt! Und vielleicht doch hinbekommt, mit den Mitteln des Theaters, indem das im Text Angerissene nochmals angerissen oder aufgerissen wird, noch mehr Ebenen hinzukommen, die mit den im Text angelegten visuellen, akustischen, situativen Ebenen kommunizieren, Bastard Pop eben.

Kein Text, vor allem nicht das wieder oder immer wieder oder immer noch als so tiefgründig angesehene psychologische Bürgerdrama macht doch mehr, als anreißen, es kommt nur darauf an, wie konditioniert man darauf ist, das Angerissene dann sofort wieder zu schließen und zurückzuführen auf einen eigentlich intakten Körper, einen menschlichen oder den Körper called Gesellschaft. Ich habe keine Lust, mich vor dieser angeblichen Intaktheit zu ergeben, Lust, zu erleben, dass Theater wird wie die Wahrnehmungen, die bei mir ablaufen, ohne intakte Identität, mit siebzehn geöffneten Tabs im Browser gleichzeitig, mit Mash-Ups von Songs und Lebensweisen, überall.

Überforderung: gern! Lieber Anforderungen, die erst einmal schwierig oder kaum machbar oder sogar unmachbar scheinen, als Anforderungen, die in zwei Wochen erfüllt sind und dann die restlichen stadttheatertechnisch unentbehrlichen vier bis fünf Wochen langweilig werden lassen, das Resultat meist auch. Was geschieht mit dem Theater, wenn es nicht nur an zweidrei Häusern, sondern komplett in eine Wahrnehmung wechselt, die diesem Jahrtausend entspricht? Und jetzt nicht sagen, die Idee sei so alt wie Marshall McLuhmann! Eher: schauen, was man machen kann, zusammen, hier.

2 line up for a line-up

Mit Theater habe ich immer schon zu tun gehabt, als Autor aber erstmal mit Prosa. Dennoch gibt es ähnliche Start- und Entstehungsprozesse. In der Prosa ist es so für mich: eine Handlung entwickeln [immer im Wissen, dass Handlung eben auch von Hand, also der schreibenden, etwas konstruierenden Hand kommt], diese Handlung aber im Text eher vortäuschen, die Handlung auf der unteren Spur laufen und immer mal wieder durchblitzen lassen, um auf der obersten Tonspur dann das Eigentliche zu erzählen, nämlich die Themen, die Art und Weise, in der diese Themen miteinander sprechen. Dabei immer deutlich machen, dass der Text nicht heilig ist und nicht in unberührte Bibliotheksregale gehört, sondern dass man etwas machen muss mit ihm.

Deshalb ist Hörspiel großartig, weil hier eine einzige Stimme zeigen kann, wie sich thematische Ebenen gegeneinanderbewegen, indem die Stimme sich selbst ins Wort fällt, gegen sich selbst spricht, sich korrigiert, um dann selbst korrigiert zu werden. Gegen das Hörspiel als präziser Mix kommt für mich nur das Theater an, mit seiner Möglichkeit, es immer wieder anders machen zu können, bei jeder Vorstellung. Auch das möchte ich in Theaterarbeit erleben, ausprobieren, ausnutzen, möchte den Zufall nicht aussperren, möchte sehen, dass in gemeinsamen Live-Prozessen, die auch mal Unordnung statt Ordnung schaffen können, etwas Gemeinsames entsteht.

Wenn das dann auf Regisseure trifft, kann man Abende erleben, die mit dem Text nichts mehr zu tun haben, aber nicht so toll, wie das bei Schlingensiefs Bambiland von Jelinek war, sondern eben so, dass man nicht mal in der Machart des Abends den Text wiedererkennt. Man kann aber auch Abende erleben, die Ebenen hinzuerfinden oder wegnehmen und damit alles so transparent machen wie ein Programmcode für dieses Stück, über Open Source verfügbar, fürs Publikum.

Genau so unterschiedlich wie die Regisseure sind die Schauspieler. Manche stellen die Prämissen des Stücks völlig in Frage mit der Begründung, die Wahrnehmung heute würde sich von der im 14. oder 15. Jahrhundert nicht grundsätzlich unterscheiden, warum also so viel über Wahrnehmung schreiben? Manche erfassen mit intuitiver Intelligenz Textteile und probieren sie im Sprechen und Spielen immer wieder neu, bringen sich auf Augenhöhe des Textes, weil sie Augenhöhe nicht als Höhe ansehen, sondern als Intensität, die durch Spürbarmachen gespürt werden kann, you gotta go with the upgrade, dude!

Für mich ist es manchmal schon genug, den Text überhaupt zu hören, verkörpert von einer Stimme, geleitet vom Gefühl für den Text, immer im Wissen, dass dieses Gefühl auch Gefühle produzieren kann, so wie Ian Curtis auf der Bühne Emotionen produziert, ohne diese besungenen Emotionen jedes Mal zu fühlen [siehe auch: die epileptischen Anfälle von Curtis, bei denen Bernard Sumner und Peter Hook dann schnell die Emotionen übernehmen, durch Gesang oder Gitarrenspiel, auch das ist machbar]. Oder The Moldy Peaches, wenn Kimya Dawson Adam Green ansingt mit: i’m in love with how you feel, wenn aber klar ist, das sind inszenierte Emotionen, so wie: Ich liebe dich auch inszeniert ist, [fast] immer. Oder The Unicorns, die in ihren Songs Dialoge singen, aber eben so, dass sie gar nicht versuchen, Alltagssprechen zu imitieren.

Überhaupt finde ich, dass das Theater noch viel mehr von Popmusik lernen muss, eben nicht nur mal Songs spielen und ein bisschen Video, sondern in den grundlegenden Strukturen. Wir brauchen mehr Bands und weniger durch Besetzungs und (Abo-)Besatzungspolitik zusammengewürfelte Ensembles, bei denen Alter, Geschlecht und Hautfarbe mit den Vorgaben eines Jahrhunderte alten Autors übereinstimmt, eher Strukturen, die ein gemeinsames, kontinuierliches Arbeiten und Leben miteinander wollen und möglich machen. Danach sehne ich mich, auch als Autor: das Versprechen des Theaters, den Zuschauer Dinge erleben zu lassen, deshalb einlösen zu können, weil man als Gruppe/Band zusammen diese Dinge erlebt hat, auch: durchdacht hat, auch: geliebt hat. Mehr Line-Ups statt nur: Besetzungen, mehr Bands! Bei einer Band kommt niemand auf den Gedanken, nach Psychologie und anderen Relikten des 20. Jahrhunderts zu fragen, oder danach, ob die, die da den Text von sich geben, überhaupt Menschen sind. Komplex werden, so wie es die Musik vormacht, die es auch schon geschafft hat ins nicht mehr ganz so neue Jahrtausend, komplex und komplexer, jetzt!

3 un-break broken social scenes

Broken Social Scene: eine kanadische Band mit aktuell neunzehn Mitgliedern, die in unterschiedlichen Konstellationen die Songs bestreiten bei einem Konzertabend, wie wär das? Stattdessen: Intendanten, die ihre Regisseure dazu anhalten, die Schauspieler auseinanderzutreiben, um sich bei ihnen Respekt zu verschaffen. Aber es braucht doch das Gegenteil, überhaupt, nicht nur im Theater, es braucht doch ein Zusammenrücken, ein Zusammenschließen zwischen Menschen, die sich mögen und etwas gemeinsam haben. Bands, deren Mitglieder fluktuieren können, aber bei denen etwas Gemeinsames entsteht, ein Gegenprogramm, ein Programm der ganz heutigen Wahrnehmungen, um mit Mitteln dieser Wahrnehmung die sogenannte Realität als nur eine Möglichkeit zu kennzeichnen.

Solidarität suchen, aufbauen, auch gegen die politischen Programme, die immer mehr mit Dieter Bohlens Stimme sprechen! Nicht: Deutschland sucht die Supergroup oder so, sondern ein Neben- und Miteinander von Menschen im Theater, Neben- und Miteinander vieler Realitäten. Nicht: versuchen, sich in nichts nachzustehen, in nichts nahezustehen, sondern das Gemeinsame nutzen, zusammen sein, zusammen Mikro-Heroen sein und die Dinge angehen, um auf Höhe des 21. Jahrhunderts zu kommen, auf Höhe des Webs, auf Höhe der Blu Ray-Discs, der iPhones, sich klarmachen, dass es darum gehen muss, Realität zu verteilen.

Das erleben, nicht: sich ergeben, die Vernetzung übertragen in das ganz alltägliche Arbeiten und Überleben, die Utopie nicht im Einzigartigen suchen, sondern in der Verteilung dessen, was da ist: Info, Theater, Gefühle und andere Ressourcen, das 21. Jahrhundert nutzen, um zu verteilen, nicht um abzuspeichern auf 3,5"-Disketten, verteilen und verteilen und verteilen. Auch das hier. Ganz schnell. Danke!

Jörg Albrecht,
geboren 1981 in Bonn, aufgewachsen im Ruhrgebiet, lebt in Berlin, schreibt Prosa, Theatertexte, Hörspiele. Nach dem Romandebüt "Drei Herzen" (2006) erschien in diesem Frühjahr die Space Opera "Sternstaub, Goldfunk, Silberstreif", beides im Wallstein Verlag. Theaterstücke sind demnächst am Maxim Gorki Theater Berlin und den Münchner Kammerspielen zu sehen. Mit Matthias Grübel zusammen Hörspiele und Lesungen als Band phonofix.

www.fotofixautomat.de

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