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Und – was machst du so?

von Claudius Lünstedt

Die Frage kennt jeder, und eine von unzähligen Antworten könnte lauten: Fürs Theater schreiben – ich bin Autor! Darauf sogleich der Fragende höflich bis begeistert: Echt? Toll! Wurde denn schon was gespielt? Der Autor: doch, jaja. Und wiederum der Fragende stirnrunzelnd: Schön, aber kann man davon denn überhaupt leben? Ob ja oder nein, der kurze Dialog wird allen uraufgeführten Dramatikern bekannt vorkommen, und eines eint sie alle: Am Anfang steht das erste Stück. Und mal angenommen, es findet wohl gesonnene Leser, Qualität wird ausgemacht, und ein Verlag nimmt den Autor ins Programm, so geht das Stück jetzt seinen Weg: Es wird herumgereicht, szenisch gelesen oder eingerichtet – Schlag auf Schlag, noch bevor die Uraufführung bestellt ist, hat der Text sogar schon einen Preis gewonnen. Der Autor freut sich – zu früh. Er kennt die ungeschriebenen Gesetze der Theaterwelt nicht.

Theaterbetriebs-Tücken

Hinter den Kulissen pufft ein Kleinkrieg: wer darf sich Entdecker nennen, wer sich mögliche Erfolge des jungen Talents auf die Fahnen schreiben? Den Autor kümmert's erst mal wenig, gelangt sein Stück nun endlich auf die Bühne. Der Preis sichert ihm nämlich nicht nur finanzielles Auskommen für drei Monate, sondern garantiert zugleich die Uraufführung an einem kleinen Haus am Rand der Republik. Klein? Macht nichts, denkt der Autor – er weiß nicht um die Tücken des Theaterbetriebs. Ahnt zum Beispiel nicht, dass manchem Theater weniger am Stück, denn an breiter Berichterstattung gelegen ist. Vermutet nicht, dass sich Theaterleitungen oft erst gar nicht auf die Suche nach einem passenden Regisseur begeben, sondern den Text einer langjährigen und längst fälligen Regieverabredung zuschieben. Drei Wochen vor der Premiere ist der Autor dann eingeladen, die Umsetzung seines Stücks abzuwinken, pardon, anzusehen – er ist nicht begeistert, sagt nicht viel, verdirbt jedoch die Laune nicht: es wäre eh zu spät.

Schließlich, am Tag zwei nach der durchwachsenen Premiere, blättert der Autor ernüchtert in Lokalzeitungen und hat den Eindruck, kaum ein Berichterstatter habe sich die Mühe gemacht, sein erstes Stück überhaupt zu lesen. Im schlimmsten Fall zeigt der Daumen schon jetzt hartnäckig nach unten, immerhin wurde die Feuerprobe nicht bestanden – die Nichtentdecker fühlen sich bestätigt: Der kann nix. Und der Autor? Hat noch ein bisschen Preisgeld übrig und kauft sich ein Bier.

Halbgar eingestampft

Nun soll kein falscher Eindruck entstehen. Preise und Stipendien sind selbst noch bei mittelmäßigen Tantiemeneinnahmen überlebenswichtig, auch wenn manch' Zyniker behauptet, Autoren machten es sich bequem, tingelten gut wattiert von Stipendium zu Schreibwerkstatt zu Stückepreis. Dennoch lohnt es, genauer hinzusehen, rasch lässt sich eine Minifibel mit drei Ratschlägen für den noch unerfahrenen Autorennachwuchs aufschreiben, denn: nicht alles, was Förderung heißt, ist förderlich, sei's der Kunst, sei's dem Konto. Vorsicht bei Autorenwerkstätten und szenischen Lesungen: Geschickt getarnt als Nachwuchsförderung, entpuppen sie sich nicht immer, aber oft als (für das Theater) billige, gefahrlose und imageträchtige Selbstvermarktung. Wir fördern den Nachwuchs, ruft das Theater, scheut tatsächlich jedoch meist Kosten und Risiko, zumindest eines der szenisch gelesenen Stücke zu üblichen Konditionen aufzuführen, es dem Publikum zuzumuten. Im rasanten Theaterbetrieb werden, mittels Werkstatt und Lesung, Texte halbgar inszeniert und eingestampft, anderen Theatern gelten sie dann bereits als uraufgeführt, was soviel heißt wie: verbraucht. Autoren und Verlage sind die Gelackmeierten.

Almosen und Imageschaden

Augen auf auch bei Aufträgen von Miniaturen oder Kurzdramen – nur wenn der Autor das gestellte Thema unbedingt und zwingend beackern will, macht ein solcher Ausflug Sinn. Zwar legt die Entlohnung von Kleinststücken – sie treibt einem förmlich die Schamesröte ins Gesicht – es nahe, die Aufgabe als Fingerübung zu verstehen, doch eine solche Auffassung wird postwendend bestraft: ein mittelmäßiges Ministück verursacht am Premierenabend einen, modern gesagt, maximalen "Imageschaden". Und das für ein Almosen!

Drittens kann es, dank regelmäßig aufflackernder Werktreuedebatte, nicht oft genug gesagt werden: Steht eine Uraufführung ins Haus, ist beileibe nicht die sklavische Texttreue ein Garant für den Erfolg, sondern am ehesten noch eine feinfühlig und penibel betriebene Suche nach einem passenden, weil dem Text seelennahen Regisseur – darin liegt die eigentliche Texttreue. Verantwortung hierfür tragen vor allem die Dramaturgien, nicht selten werden künstlerisch wertvolle Lösungen praktikablen, terminlichen oder betrieblichen untergeordnet. Das Ergebnis ist vielfach zu bestaunen: selbst Qualität setzt sich in schlampig zusammen gestellten Konstellationen nicht durch.

Und noch etwas. Theater sollten, sofern sie es sich leisten können, langfristige Arbeitspartnerschaften zu Autoren ihrer Wahl eingehen. Nicht ein Stück beauftragen, sondern dem ersten einen zweiten Versuch folgen lassen. Nur so wird kontinuierliche Entwicklung ermöglicht, und ganz nebenbei geriete das Label "junge(r) Nachwuchsautor(in)" etwas aus dem Fokus. Zur Zeit ist es so, dass ein Dramatiker ab 36 Jahren zum alten Eisen zählt – es fehlt das "jung", und auch das Nachwuchsattribut klingt allmählich stumpf. Die Politik beklagt gern, dass Arbeitnehmer jenseits der 50 in Industrie und Wirtschaft schwer vermittelbar sind – nun: Wie viele Auftragswerke wurden im letzten Jahr eigentlich an über 50jährige Autoren vergeben? Zwei, drei hat man wohl im Kopf.

Der Dramatiker Claudius Lünstedt wurde 1973 geboren und studierte Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Derzeit ist im Rahmen der Auswahl aus der Uraufführungswerkstatt "Deutschlandsaga" sein Monodrama "Freiburg" an der Berliner Schaubühne zu sehen.

Kommentare (4)add comment
Die andere Seite
geschrieben von Harry Cook , 06. Mai 2008, 15:05

Uraufführungen sind immer auch ein Wagnis - für alle Seiten.
Wenn denn ein kleines Theater am Rande der Provinz mit aller Energie ein solches Wagnis eingehen will, braucht es Unterstützung - auch vom Autor.

Im Falle unserer Erstaufführung von "Freundinnen" (von Maximilian & Pauli) hatten wir die Unterstützung der Autoren, durften auf geheiß des Verlages aber nicht von Uraufführung reden, sondern nur von "try out".
Dieser Versuch war ausgesprochen geglückt siehe
http://www.theater-neu-ulm.de/freundinnen.html

auch "Die Frau seines Lebens" (Boris Pfeiffer & Felix Huby) haben wir sehr erfolgreich uraufgeführt, siehe
http://www.theater-neu-ulm.de/sylvia.html

Leider waren hier die Autoren nicht abkömmlich. Ihre Anwesenheit hätte sich publizistisch positiv ausgewirkt.

Insgesamt aber ist zu sagen: Diese und etliche andere Uraufführungen lassen sich über den lokalen Rahmen hinaus überhaupt nicht kommunizieren. Auch nicht, wenn man im Schillerjahr eine sehr innovative Version von "Die Räuber" realisiert, die vor allem dem jungen Publikum Spaß macht, aber auch die am Stoff interessierten Pädagogen nicht abstößt und abhält, mit ihren Schülerinnen uns Schülern ins Theater zu kommen.

Und wenn es dann Stücke von weniger bekannten Autorinnen oder Autoren sind, ist die Inszenierung auch dem Publikum nicht recht nahezubringen.

Risiko über Risiko.
Aber manche Stücke will und muss man machen.



...
geschrieben von R. Prenner , 06. Mai 2008, 15:05

endlich mal einer, der sich das auszusprechen traut. sonst hocken ja alle ängstlich unter einer decke und schmieren sich honig ums maul.


DramaTisch
geschrieben von Katharina Schlender , 07. Mai 2008, 00:05

Danke Claudius. Ich freu mich, daß du hier so offen sprichst. Die BattleAutoren Initiative spricht ja in ähnlichen, wenn nicht genau in denselben Worten. In dem Schreiben "Uns pflegen heißt euch pflegen" zehn Wünsche für ein zukünftiges Autorentheater geht es genau um die von dir angesprochenen Punkte. z.B. Punkt 4 und Punkt 5 daraus: "Kontinuierliche Zusammenarbeit mit Autoren! Mehr Hausautoren! Autorentheaterevents ohne Altersbeschränkung und mit Folgen, d.h. keine One-Night-Stands mit Schreibern sondern Beziehungspflege. 5. Eine verantwortungsvolle Umsetzung neuer Dramatik. Die Inszenierung durch einen Regieassistenten ist nicht immer die Krönung für einen Text. Eine gute Besetzung dagegen schon. (auch nachzulesen unter www.dramablog.de) Falls du in Berlin bist, möchte ich dich zum nächsten DramaTisch einladen. Am 8.Mai um 19.30 Uhr in der Danziger Straße 50. Vielleicht magst du ja kommen und mittun. Es grüßt dich

Katharina Schlender



Die 10 Wünsche der BattleAutoren
geschrieben von Redaktion , 07. Mai 2008, 11:05

Die von der Dramatikerin Katharina Schlender angesprochenen "10 Wünsche für ein künftiges Autorentheater" mit dem Titel "Uns pflegen, heißt euch pflegen" wurden im September 2007 auf nachtkritik.de erstveröffentlicht und sind nachzulesen unter
www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&task=view&id=447&Itemid=84




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