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Ohne Begleitung

von Elfriede Jelinek

Ich bin schon sehr oft zu den Mülheimer-Autorentheatertagen eingeladen gewesen. Meist bin ich nicht hingefahren, weil mir das Reisen sehr schwerfällt und inzwischen ganz unmöglich geworden ist. Ich spreche also, obwohl ich ja dort war, von etwas Fremdem, das ich kaum kennengelernt habe. Meine Stücke sind aber, wie gesagt, oft dort gewesen, wie überhaupt das, was ich schreibe, viel weiter herumgekommen ist als ich, was kein Kunststück ist. Ich kenne auch das Ruhrgebiet kaum, erinnere mich nur an Stadtlandschaften, die sich mit Naturlandschaften abwechseln, eins geht ins andre über, wie in meinen Theaterstücken, in denen sich Fragwürdiges, das sich gleich selbst beantwortet, Zitate, Fremdtexte mit Eigenem locker abwechseln. Wenn diese Texte dann nach Hause kommen, sagen sie nicht, wie es dort in Mülheim gewesen ist. Sie sagen mir nur wenig. Sie haben wohl versucht, in das italienische Restaurant hineinzukommen, soviel konnte ich ihren etwas wirren Schilderungen entnehmen, aber sie haben von allein die Tür nicht aufgekriegt, sie waren ohne meine fürsorgliche Begleitung dort. Meine Begleitung wäre vielleicht ein Türöffner für meine Stücke gewesen (das muß offenbleiben, aber der Italiener hat heute zu), wo möglicherweise ein Dosenöffner schon genügt hätte, aber sie sind selbständiger als ich und kommen von allein an viele Orte, wenn auch nirgends wirklich hinein. Sie kriegen nichts zu essen, aber das macht nichts, ich habe sie schon angefüttert, ich habe ihnen wahrscheinlich im Laufe der Zeit ohnedies viel zuviel zu fressen gegeben. Sie haben sich das Flüßchen angeschaut, die kleinen Geschäfte, auch die größeren, die Douglas-Filiale (sehen Sie, ich weiß nicht einmal, ob es in Mülheim eine gibt, aber es gibt sie überall, warum also nicht dort?), den Kaufhof (vergessene Unterwäsche), die Apotheken und Drogeriemärkte (vergessenes Aspirin, vergessene Zahnpasta), die kleinen Hotels. Unbegleitete haben hier Zutritt, nur wenn sie sich sehr ungeschickt anstellen, wie meine Texte, bleiben sie auf der Schwelle und werden nicht zu den anderen im Lokal mitgenommen. Wir müssen leider draußen bleiben, steht oft an der Tür von Fleischereien und macht etliche Wesen ziemlich unglücklich, auch wenn sie gar nicht lesen können. Das ist es möglicherweise: Daß man etwas weiß, ohne es je gesehen zu haben, ohne je dort gewesen zu sein, aber etwas von einem hat Kontakt aufgenommen, zu den Einheimischen, nicht zu den Fremden, und man will unbedingt dorthin. Mülheim ist eine Möglichkeit für mich. Ich wohne nicht dort, aber es wäre eine Möglichkeit, die ich, wie fast alle Möglichkeiten, die ich vielleicht hätte, zwar nicht ergreife, aber meinen Stücken wird die kleine Mühe aufgebürdet, dorthin zu fahren. Sie merken das gar nicht, sie sind schon beladen genug. Doch sie haben sich noch nie bei mir beklagt.

Elfriede Jelinek, geboren 1946 in der Steiermark, erhielt 2004 den Nobelpreis für Literatur. 2002 erhielt sie den Mülheimer Dramatikerpreis für "Macht nichts" und 2004 für "Das Werk".

Kommentare (4)add comment
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geschrieben von leser , 06. Mai 2008, 00:05

was für ein schöner text.


Eingebunkert
geschrieben von freiheit, freiheit , 06. Mai 2008, 19:05

ja, jelinek ist schon die österreichische schriftstellerin par excellence. bunkert sich sozusagen selbst ein. ist ihr eigener priklopil bzw fritzl. so wie diese elisabeth fritzl eigentlich die wahre sisi von österreich ist.


...
geschrieben von HM , 07. Mai 2008, 12:05

ein Hauch von Aichingers Kurzprosa...(allerdings weniger metaphorisch).

Aber trotzdem, gerade für die Theatertage und auch sonst ein kleines Juwel! Schön...



spitze
geschrieben von hb , 11. August 2009, 18:08

Jelinek ist Spitze. Redet, was ihr wollt.



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