Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. | Drucken |

Lose Notizen von einer Straßenbahnfahrt durch eine Stadt voller Brüche und Aufbrüche

Mülheim franst aus

von Esther Boldt

10. Mai 2008. Die Öffentlichen heißen so, weil sie Öffentlichkeit herstellen. Gestern Nachmittag war die Öffentlichkeit in der Buslinie 135 vom Mülheimer Hauptbahnhof zum Schloss Broich etwa 15 Jahre alt, trug sehr kurze Hosen, streckte ballerinabeschuhte Füße in den Gang, vollzog die Trennung von ihrer zweiten oder dritten Liebelei per SMS-Protokoll nach – "da hatte er schon die Andere" –, trank Beck’s Gold und Feiglinge. Heute früh, im Bus 122 vom Schloss Broich zum Theater an der Ruhr war die Öffentlichkeit im Schnitt 67, mit sehr heller, weicher Haut um die Augen, beiger Kleidung, grauem Haar und höflichen Gesichtern. Sie sah in Fahrtrichtung aus dem Fenster, lehnte sich hin und wieder zum alten Zeitgenossen an ihrer Seite herüber und sah ohnehin ganz behaglich aus.

Aus der Bustür heraus riecht es nach Pferd, eine Irritation beim Blick nach links und eine Rennbahn direkt gegenüber. Das Theater an der Ruhr ist hinter viel Grün zu finden, schon wieder Baum und Strauch, von dem sich Raupen abseilen, in der Kleidung festsetzen und mitkommen ins Theater.

Barock unter der Spiegelkugel

Im ehemaligen Badehaus, jetzigen Theater an der Ruhr sitzt man im Foyer beim Symposium "Im Treibhaus der Generationen" zusammen, rote Vorhänge und goldene Verzierungen wie Zitate eines royalen, barocken Glanzes, der sich hartnäckig hält wie ein gutes Gerücht. Dafür hängen zwei Spiegelkugeln unter der Decke. Vor den Fenstern flirrt der Mai, zwitschern Vögel und rascheln Blätter, und drinnen spricht man über "Das Glücksversprechen vom ewigen Frühling". Im Publikum vorwiegend ältere Menschen, Männer in schwarzen Anzügen und seltener weißen Turnschuhen, und dann steht plötzlich ein kleiner Punk im Türrahmen, wie um das nicht mehr existente Generationen-Projekt vorzuführen, mit pinkem Iro, Nirvana-T-Shirt, Stachelhalsband und schwarzen Springerstiefeln bis ans Knie. Wie passend und trefflich schön das Arrangement auch erscheint, so kommt am fortschreitenden Tag zum Glück mehr Jugend herein, vervollständigt das Bild zu einer durchmischten Zuhörerschaft.

Auf der Rückfahrt, mit der Straßenbahnlinie 901 vorbei an Einhorn-Apotheke und Königstraße, wird einem ganz kurz ganz romantisch und ein bisschen märchenhaft zu Mute. Überall liegen Brüche offen, Mülheim ist ein unruhiges Pflaster, stellenweise sehr städtisch, aber mit nahe liegenden Rändern, an denen es unvermittelt abbricht, begrünte Industrieruinen mit abgebrannten Dächern in den Himmel staken, Mülheim franst aus und hört einfach auf, und dann sind da bloß Bäume und all dieses noch recht trunkene, satte Frühlingsgeblüh. Eine Stadt als Fragment, ein fruchtbares.

Schreiben als Remix

Eine halbgare Stadt von tief sitzender Heterogenität, die auf einer brüchigen Geschichte aus Produktion und Zerstörung, Aufbau, Krieg und Frieden beruht, und in der sich zugleich überall ein Neuanfang breit macht: in der Stadtmitte, einer einzigen, riesigen Baustelle als Verheißung auf etwas, das da kommen mag, im Park an der Ruhr, und auch in renommierten kulturellen Veranstaltungen, die nach neuen ästhetischen Entwicklungen suchen und Nachwuchsförderung betreiben – wie die "Stücke" und das Festival "Impulse".

Festivaltage voll Begegnungen, Unterlassungen, Zusammenstößen, Bildern und Satzfetzen, die dann be- und verschrieben werden wollen. Heute früh beim Kaffee Isa Wortelkamp gelesen, die Schreiben über das Theater als "stillstellen" beschreibt – für den Prozess des Schreibens aber gilt das vollkommene Gegenteil. Der ist noch immer eine unruhige Veranstaltung, eine Buchstaben- und Textschieberei, erst recht in meiner Generation Copy&Paste, die wir nicht linear schreiben, sondern in beweglichen Textblöcken, die ergänzt, verschoben, ge-remixt werden können: Jeder Autor ein DJ. Hatte doch heute Mittag auf dem Podium der Autor Michael Rutschky ein handschriftliches Redemanuskript dabei, verlegen oder kokett noch einmal darauf hinweisend: "Das sind etwa zehn Minuten, handgeschrieben." Hier kein Papier unter den Fingern, dafür die Tastatur mit ihren blankgetippten Stellen.

Lesen Sie hier, wie wir Mülheim als Theaterstadt beschreiben, ein italienisches Restaurant suchen und im Eiscafé die Speisekarte bewundern.

Kommentare (1)add comment
theaterleben
geschrieben von konifere , 15. Mai 2008, 15:05

das leben spielt eben immer noch das beste theater und der frühling ist die schönste bühne. bitte mehr solche texte! nur, dass lediglich "unsere" generation copypasted: da muss ich widersprechen. das wurde schon immer gemacht (mittelalterliche mönche, hallo?!?). nur ist es heute eben offensichtlicher und leichter nachzuvollziehen als im papierzeitalter.



Kommentar schreiben
kleiner | groesser
 

busy