| Drucken |

Was Mülheim an der Ruhr mit Weimar gemein haben könnte und warum das auch so sein muss

Theaterstädte unter sich

von Morten Kansteiner

4./5. Mai 2008. Was ist eine "Theaterstadt"? Offenbar so eine Stadt wie Mülheim. Dagmar Mühlenfeld hat in ihrem Eröffnungs-Grußwort auf der Formulierung insistiert: "Theaterstadt Mülheim". Und Mühlenfeld muss Recht haben. Sie ist die Oberbürgermeisterin. Außerdem hat Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, Kulturstaatssekretär von NRW, die Setzung bei der Eröffnung der "Stücke 08" ratifiziert: "Theaterstadt Mülheim" – so sagt's auch er.

Da es vermutlich nicht reicht, dass man in einer Stadt Theater sehen kann, muss zum Wesen der Theaterstadt sicherlich mehr gehören. Etwas, das noch abseits der Bühne sichtbar ist. Wenn man zum Beispiel in Deutschlands Theaterstadt par excellence, in Weimar, aus dem Nationaltheater kommt, tritt man sofort Schillern und Goethen in die Hacken. Das Denkmal dreht einem den Rücken zu, doch immerhin: ein klarer Hinweis. In Mülheim allerdings stößt der "Stücke"-Besucher vor der Stadthalle erstmal auf Blech statt Bronze. Ein örtlicher Autohändler hat ein paar seiner besten Stücke auf dem Vorplatz arrangiert, um sie der Aufmerksamkeit des geschätzten Publikums anzuempfehlen.

Theatralität des Rauchens

Die erste Gemeinsamkeit folgt erst ein paar Meter weiter: hier wie dort leicht angepunkte Jugend in vorwiegend schwarzer Kleidung, ein bis zwei Piercings, ein oder zwei überraschend kolorierte Strähnen in den Haaren. Und – das ist in einer Theaterstadt besonders wichtig, sei es Mülheim, sei es Weimar – eine Zigarette in der Hand. Das Rauchen in der Öffentlichkeit ist in jüngster Zeit zu einer eindeutig theatralen Geste avanciert.

Der Eröffnungsabend der aktuellen "Stücke" hat es erneut gezeigt: Was macht der nette Nichtsnutz Robert, wenn er in Armin Petras' Inszenierung von "Heaven (zu tristan)" überraschend Simone über den Weg läuft, dem Objekt seiner ebenso unverbrüchlichen wie unerfüllten Liebe? Er zündet sich eine Zigarette an. Und zu allem Überfluss nimmt auch sie – nach etwas Gezeter und Geziere – rasch einen Zug, obwohl sie schwanger ist. Bedeutungssatte Gesten der Hilflosigkeit und Überforderung, wie man sie vom Stadttheater erwarten darf. Oder eben von ausgewählten Einwohnern einer Theaterstadt.

Mitleid mit Losern

Nur dass deren durchschnittliche Wohnbevölkerung weniger Anlass zum Defätismus hat als das fiktive Bühnenvolk. Auch das zählt zweifellos zu den Merkmalen einer ordentlichen Theaterstadt im Lessing'schen Sinne: Die Kluft zwischen Figuren und potentiellem Publikum sollte Raum für ein gewisses Glücksgefälle bieten. Denn was hätte es für einen Sinn, im Theater erschauernd an tragischen Schicksalen teilzuhaben, sich durchs Mitleid mit Losern wie Robert und Simone läutern zu lassen, wenn man zu Hause dieselbe Misere vor Augen hätte?

Besser, man unterscheidet sich: Weimar ist nicht Wolfen. Die Figuren aus "Heaven" entstammen einer Stadt, die nach dem Verlust der Industrie nicht mehr viel zu bieten hat. Von den 44 000 Einwohnern im Jahr 1990 waren anderthalb Jahrzehnte später nur noch 25 000 übrig, rechnet der Stücktext vor. Derweil kann Weimar mit dem Klassik-Erbe wuchern. Seit 1991 verzeichnet die Stadt zumindest bei den Über-60jährigen einen Bevölkerungszuwachs – nicht zuletzt ehemalige Lehrer und Professoren, die während ihres Ruhestands den Geist der Goethezeit atmen wollen. Mülheim seinerseits ist nicht Dorsten-Wulfen. Während die Stadtplaner im Norden des Ruhrgebiets stellenweise zum "Rückbau" greifen, wie man ihn sonst nur im Osten oder auf der "Heaven"-Bühne geboten bekommt, kann Mülheim traditionell auf die höchsten Immobilienpreise des Ruhrgebiets verweisen.

Spielstätten-Statussymbolik

Am Mülheimer Ruhrufer wird in nächster Zeit wahrscheinlich niemand so verzweifelte Weinbauversuche starten wie der rauchende Robert in einer Wolfener Kiesgrube. Trotzdem: Man darf nicht träge werden. Selbstverständlich steht das gesamte Ruhrgebiet "vor immensen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen", wie etwa das Handelsblatt im vergangenen Herbst raunte. Zum Glück verriet ein Stadtplaner mit dem verheißungsvollen Namen "Florida" der Zeitung sogleich, wie man den Abstiegskampf gewinnt: mit Talenten, Kreativität, Ästhetik.

Und so lässt sich mit einem Mal erschließen, wie eine Theaterstadt idealtypisch funktioniert – rein ökonomisch betrachtet: Im Abstand zu den Nichttheaterstädten nisten sich Kunst und Kreativität ein, die ihrerseits den Wohlstand anziehen, der auch in Zukunft für den Abstand sorgt. Insofern hat es durchaus seinen Sinn, vor einer Spielstätte rollende Statussymbole auszustellen.

Lesen Sie hier, wie wir an die Ränder von Mülheim stoßen, ein italienisches Restaurant suchen und im Eiscafé die Speisekarte bewundern.

Kommentare (1)add comment
Jachthafen an der Ruhr
geschrieben von Stadtguerrilla , 06. Mai 2008, 14:05

Na ja, kein Weinanbau vielleicht. Aber ob das Projekt ehrgeiziger Mülheimer Kommunalpolitiker, gegenüber der Stadthalle einen Yachthafen zu bauen, um Millionäre anzulocken nicht ähnlich verstiegene Idiotie ist, wie im giftkontaminierten Boden um Bitterfeld und Wolfen Wein anzubauen, wäre noch zu ermitteln. Ein Yachthafen macht außerdem aus einem Mülheim noch kein Monte Carlo. Da hat das ein Kulturfestival wie die Theatertage profilbildendere Funktionen, würde ich sagen.



Kommentar schreiben
kleiner | groesser
 

busy