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Für die Schauspielerin Katja Bürkle, die Liv Ullmann in René Polleschs "Liebe ist kälter als das Kapital", sind Ohrfeigen absolute Liebeserklärungen

"Ich muss es einfach nur tun"

Interview: Jan Oberländer und Anne Peter

Katja Bürkle, wie fühlen sich Bühnenohrfeigen bei René Pollesch an?

Im Grunde wie alle anderen Bühnenohrfeigen. Es ist wohl dennoch ein absolutes Novum, dass bei einer Pollesch-Inszenierung Schauspieler auf offener Bühne "geschlagen" werden. Die Härte der Ohrfeigen ist jedenfalls für uns ein guter Indikator, was das Zusammenspiel betrifft und ob wir gemeinsam unterwegs sind oder sich jeder alleine durch den Abend kämpft. Im Grunde ist aber jede gegebene Ohrfeige eine absolute Liebeserklärung an den Kollegen.

Was ist das Spezielle an der Arbeit mit René Pollesch?

In erster Linie natürlich René selber. Die Tatsache, dass er als Autor in progress und gleichzeitig als Regisseur da ist, ist ja an sich schon eine absolute Besonderheit. Geprobt im herkömmlichen Sinne wird gar nicht. Man sitzt zusammen, diskutiert, erzählt, tauscht Gedanken aus, philosophiert und so entsteht über die gemeinsame Zeit ein Text. Sprich: René geht abends nach Hause und destilliert aus unserem gemeinsamen Gedankenfluss einen Text, der jedoch tagtäglich aufs Neue wieder überprüft, verfeinert, weitergetrieben wird. Das Schönste an der Arbeit mit René ist vielleicht, dass für ihn jeder Mensch, der dabei ist, geschätzt beachtet respektiert und als ganz wertvoll angesehen wird – das geht vom Hospitanten über die Tonfrau bis zur Bühnenbildnerin und den Schauspielern.

Wie schaffen Sie es, Polleschs
komplexe, überbordende Texte einzustudieren?

Genauso wie andere Texte auch. Am Anfang ist das immer ein bisschen wie Vokabeln lernen. Da hat auch jeder Schauspieler seine eigene Technik. Da die Probenarbeit jedoch in erster Linie darin besteht, sich über die gemeinsamen Inhalte zu verständigen, die man erzählen bzw.bearbeiten möchte und es vor allem darum geht, diese Inhalte so klar und scharf oder manchmal aber auch so komplex wie möglich (die Dinge sind ja diffuser als uns die Sprache glauben machen möchte) zu denken, weiß man oft sehr genau was man da verhandelt und da fällt einem auch das Lernen des Textes leicht. Es gibt auch keinen Zwang. Habe ich als Schauspieler keinen Bezug zu einem Satz oder Gedanken, sag ich ihn eben nicht.

Was hat "Liebe ist kälter..." mit Ihrer Wirklichkeit als Schauspielerin zu tun?

Das Schöne ist, dass durch die Arbeit mit René immer wieder Geist und Sinne geschärft werden, so dass man auch in anderen Zusammenarbeiten genauer hinschaut, was man denn da gerade erzählt oder nicht erzählt. Denn es geht schnell, dass man ein Stück macht, beispielsweise über sexuelle Gewalt Frauen gegenüber – und während der Arbeit völlig übersieht, dass es dann auf den Proben wieder zu sexueller Gewaltausübung einer Schauspielerin gegenüber kommt, die ja "nur" eine "Figur" spielt, der Gewalt angetan wird, aber im Grunde wird ja der Schauspielerin Gewalt angetan und nicht der "Figur" - aber was ist überhaupt "die Figur"? Komplex, kompliziert das alles. Ich für mich trenne in Gedanken nicht zwischen mir und der "Figur", es bin ja immer ich, die da auf der Bühne steht. Und im Kern geht es doch darum, glaubwürdig zu sein, wahrhaftig zu sein in dem, was man da tut. Bei René fällt einem das sehr leicht, denn es gibt keinen Darstellungszwang. Ich muss mir keine Gedanken machen, wie ich etwas tue. Ich muss es einfach nur tun und denken und da sein als Mensch, der ich bin.

Katja Bürkle, geboren 1978 in Stuttgart, studierte von 1997 bis 2001 Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. 2002 war sie Nachwuchsschauspielerin des Jahres.

Hier gelangen Sie zu unserem Pollesch-Dossier. Im ruhrpod 4 spricht der Autorregisseur selbst und hat uns außerdem hier und hier zum Bloggen inspiriert.

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