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Schreibwohngemeinschaft

Ein bisschen so wie wenn die Hälfte der Ferien rum sind. So fühlt sich das gerade an hier. Dreizehn Tage Festival liegen hinter, acht noch vor einem. Mit dem ersten Regentag heute und dem Gedanken, dass das Ende des Ferienlagers dem Jetzt näher ist als sein Anfang, schleicht sich die Melancholie ein. Mit dem ersten Mietfahrradeln durch den beblümten Müga-Park am ersten Tag war dieses Feriengefühl da und trotz sofortigem Schlafdefizitsaufkommen nach der ersten Nachtschicht und seitheriger Kaumwiederaufholung auch nicht mehr zu vertreiben. Ferienlager eben. Durchgoogelte statt durchsoffener Nächte. Durchschriebene, durchlesene, durchredigierte Nächte. Und Tage, an denen man aus dem Bett direkt auf die Tastatur kippt. An denen vor dem Duschen die Anmoderationen kommen. Die beim späten, eher mittäglichen Frühstück mit banalisierenden Polleschsatzwitzen beginnen. Um den Küchentisch herum wechselt die Autorenbesetzung, manche bleiben eine Nacht, andere eine Woche. Zwischen Kaffeeschlucken Kontroversen darüber, wie die stumme Automatenslapstickszene von "Liebe ist kälter als das Kapital" sich eigentlich zum Rest verhält, und wie karikatureske, aber letztlich ja doch repräsentierende Darstellung – oder? – zu den darauf folgenden Repräsentationsverweigerungssätzen. Überlegen, ob Polleschs Akteure jemals Sätze sagen müssen, die der Meister nicht auch in einem Interview von sich geben könnte. Alltagstauglich sind jedenfalls viele von ihnen. Herumgereicht wird die schließlich von allen vehement verneinte Frage, ob sich jemand an diesem Tisch zu der Generation gehörig fühlt, die Laura de Wecks "Lieblingsmenschen" vermeintlich bilden. Was sie mit dem Authentischen meine, und ob sich dieser Begriff nicht irgendwie auf zweierlei Ebenen beziehe: erstens auf die Figurensehnsüchte und zweitens auf die Darstellungsweise durch die Autorin, die aber ja eine künstliche sein will. Von den Kritikern aber als realistische genommen wird. Übereinstimmung darüber, dass die "Counter Strike"-Projektionen in Lobbes’ Zeller-Inszenierung ziemlich viel Sinn machen: drei Damen vom Amt, nicht nur besorgt um zockende Kinder, sondern selbst im Kreuzfeuer, unter Beschuss der Bürokratiemaschine. Und wo sind in Palmetshofers Viereck noch mal die Achsen? Wie war das mit der Unendlichkeit, die von der Länge in die Breite? Wieder wechseln vom Küchen- an den langen Schreibtisch mit den zwei oder drei versetzt stehenden Laptops. Beständiges, aber nicht unproduktives Verquatschen der Konzentration und dann brütende Tipp-Phasen. Überschriftsideen, Änderungsvorschläge, Formatierungsvereinbarungen wandern nach gegenüber. Termingeplane und To-do-Geliste. Auch mal drei Augenpaare auf einen Bildschirm – manchmal muss jedes Wort ausdiskutiert werden. Schreibwohngemeinschaft. Zwischendurch zum x-ten Mal Spaghetti. Wieder sprechen dabei. Tage voller Verlinkungen. Zwischen Stücken, Menschen. Gedankenaustauschnetze, die nicht bloß fürs virtuell Weltweite gedacht sind, sondern in Gesprächen durch den Raum gespannt werden. Gemeinsames Austesten, Gegeneinanderstellen der Sichtweisen, Formulierungsfindungen, denen das Gegenüber hervorhilft. Kein Klüngel, sondern Schärfeschulung. Die gute, alte Verfertigung der Gedanken beim Reden. Und dann beim Schreiben. Oder umgekehrt. Netzwerkkinderferienlager.

Anne Peter, 13:35 Uhr

Bio-Müll

In "hamlet ist tot" ist Hamlet nicht tot. In der Verkehrung anwesend. Da ist in allen Figuren sein Zaudern, Zögern, seine Unfähigkeit zur Tat, zu einem Schlussstrich, Anfang. Auch die Frage nach der Schuld, die sich hier nirgendwo dingfest machen lässt. Großmutter- oder Mutter- statt Stiefvatermord. Kein Sohn, der den Auftrag des Vaters erfüllt, sondern Väter, die die auftragslosen Söhne schlachten. Die wie Saturn die eigenen Kinder und die Zukunft fressen. Oder Töchter, die vielleicht den unausgesprochenen Auftrag der Vorfahrin erfüllen, dessentwegen ihnen vorm Muttertier doch eigentlich graust. Es ist was faul – vor den Vätern sterben die Söhne, die Alten feiern Geburtstag und die Jungen gräbt man ein. Die gräuliche Familiengeschichte ist dabei nicht nur spannungssteigernder Genre-Untergrund, sondern führt ins Generationenkonfliktzentrum, weist auf die demographische Entwicklung, in die wir mit statistischer Wahrscheinlichkeit hineinsteuern.

Den Kürbis hält Mutter Caro symbolträchtig vorm Bauch, aus dem sie Dani und Mani geboren hat. Diese jedoch sind nur noch verstrickt in einer inzestuösen Liaison, die nicht fruchtbar, nicht Zukunft sein kann. Ihr Blut dicker als Wasser, bis es zum Stillstand stockt. Eine Paarung von Gleichem mit sich selbst, unter Ausschluss eines Anderen. Der masturbierende Mani ein neuer Onan. Jener, der Gottes Zorn auf sich zog, weil er seinen Samen auf die Erde fallen und sinnlos verderben ließ, um seinem Bruder, dessen verwitwetem Weib er sich annehmen sollte, die Nachkommenschaft zu verweigern. Mani nimmt seine einsame Triebtätigkeit, virtuell genährt auch an den Schrecken der Welt, in seiner Single-Drecks-Wohnung für Hoffnung, Religion, den religiösen Akt schlechthin. Während er an der Rampe vom Wichsen spricht, löffelt Caro im Hintergrund den Mutterkürbis aus, dessen Sameninneres auf die Erde klatscht. Abgetrennte Zukunft. Bio-Müll.

Die einzige Schwangerschaft, überdies zweifelhaft und vielleicht nur ein Wunsch oder Alptraum, ist Bine, die für ihren Mutterbauch Spießer-Wand-Geweihe aufsammelt und sie sich unter den Yuppie-Großkaro-Pullunder stopft. Mit ihrem Oli, dem sie sich knutschend versichern muss, sitzt sie am Ende in der Ecke, in der man sich Familie vorstellt wie im Film. Kaum glücklich, mit der sperrig spitzen Totgeburt am Bauch, die gleichfalls kaum Zukunft verheißt. Es ist nichts im Kommen, selbst wenn ein Kind im Kommen wär. So lässt sie sich von Oli unbeholfen die Mär vom Maschinen-Himmel erzählen, verpackt in Ikea-Bildlichkeit, ohne die sich im Horizont dieser Figuren, die gruseliger Weise unsere Zukunft zu sein versprechen, nicht mal der weite Himmelsraum denken lässt.

Anne Peter, 19:02 Uhr

Der Mahner

Am Feiertag fährt kein Bus. Ich laufe zum Bahnhof. Ich sehe eine frische Graffitischicht am Brückenpfeiler. Mach was Verbotenes. Dinge ändern sich. In der Fußgängerzone kaum ein Mensch. Um neun Uhr stehe ich am Gleis, warte auf den Regionalexpress nach Essen. Ein paar Meter neben mir ein graubärtiger Mann, Bierflasche, Schirmmütze, alter Anorak. Er sitzt und wütet, seine Stimme ein empörtes Kratzen. "Deine Gedanken! Deine Lebensweise! Et cetera! Du Sau, du! (...) Fronleichnam! Wessen Leichnam! Wessen Passion? Du Arschloch! Pfeife! (...) Schande! So zu leben! Wie die Tiere! Animalisch! Halt die Schnauze! Die Pharisäer! Scheinheiligkeit! Und so weiter! Unerreichbar! Du Arschloch! Dumme Sau, du! Et cetera! (...) Mensch! Ziege! Greis! Halt die Fresse, du! Komm auf den Punkt hier! Klartext! Dumme Sau, du! Kein Blatt vorm Mund! Alles entzieht sich meiner Kenntnis! (...) Der so genannte superschlaue Mega-Ultra! Deine Gedanken! Deine Worte! Deine Realität! Deine entsprechende Ausdrucksweise! Schreib das auf, du! (...) Deine Tage! Deine Zeit! Guck nicht so blöd!" Ich gucke nicht blöd. Ich schreibe auf. Ich lerne. Kein Blatt vorm Mund. Die Flasche klirrt auf den Betonboden. Der Zug fährt ein. Später, im ICE nach Berlin, treffe ich zufällig jemanden, den ich seit mehreren Jahren nicht gesehen habe.

Jan Oberländer, 11:52 Uhr

Auf der Duisburger Straße

Radweg zum Theater an der Ruhr. Die Duisburger Straße lang, noch ein Mal vor der Abreise. Augen auf, Bilder sammeln. Ein Mann mit Rock steht an der Ampel und singt leidenschaftlich und tief. Er trägt Lippenstift. Den Berg hoch, an der Wurstbude vorbei. Eine Kreidetafel: "Mhh, lecker Pommes". Die Duisburger Straße entlang. Rechts ein ausgebranntes Industriegebäude, daran ein weißer Pfeil und Blockbuchstaben: "Hier schellen". Auf der anderen Straßenseite die Pizzeria "La Pasta". Ein "Lädchen" für "Werbetrucks & Geschenkartikel". Steilkurve nach schräg unten, ein Hohlweg aus Beton, dann wieder hoch ins Licht. Mülheim-Speldorf. Eine Kneipe, "Treff netter Leute". Ein Mann geht rein. Die Stadt funktioniert über Schilder, über Schrift. "Lattenknaller Teamsport". "Schmierwaren Betriebs GmbH". "Kompetenz in Sachen". Danke, das ist für mich. Weiterradeln. "Hardy’s Zubehör World". Die Pferderennbahn. Ich trete in die Pedalen. Rot auf weiß: "Reiten, Fahren, Western". An der Straßenbahnstation Raffelberg rechts ab, den Berg runter in Richtung Theater. Ich fahre schnell, ich klingele, richtig laut, einfach so. An der Bushaltestelle ein Mädchen unter Kopfhörern. Sie singt, guckt, dann singt sie weiter. Der letzte Abend. Auf dem Rückweg, nachts, liegt ein einzelner Stuhl auf dem Bürgersteig. In der Nacht zuvor waren es zwei gewesen.

Jan Oberländer, 12:35 Uhr

Kürbis. Konserve

Nach "hamlet ist tot. keine schwerkraft" sitze ich im Theatersessel und kann nicht aufstehen. Vor die Brust geboxt. Geschüttelt. Die Monologe! Über den leeren Himmel als Maschine, die uns eine Zahl zuweist, einen Platz zuweist im Jetzt und im Später, oder eben nicht. Über ein verstreutes Leben, das aus verstreuten Punkten besteht, durch die sich keine Gerade zieht, das keine Funktion hat, aus der sich eine Ableitung für die Zukunft bilden lässt. Über das große, dumme Hoffen im Befindlichkeitsnichts, über sinnlose Selbstbeschwichtigungen wie östliches Entspannungsgelaber und Masturbation. Das sind harte Texte, zugespitzte, ironische Bestandsaufnahmen einer statischen, ungerecht eingerichteten Welt. Nie sind sie zynisch, nie überlegen, nie selbstgefällig in ihrem Zweifel, in ihrer Verzweiflung. Stephan Lohse spricht sie mit schiefem Grinsen als bitteren, nur allzu wahren Witz. Palmetshofer ist kein Revolutionsposer. Er ist einer, der verstehen will, ein Grübler, ein Buddler, der etwas aufwühlt. Als ich Felicitas Bruckers Inszenierung das zweite Mal sehe, werden die im Stück beschriebenen verkorksten Beziehungen, werden die blutigen Familiengräuel zu mehr als einer Bösfantasie. Zusammen mit den zwischengeschnittenen Monologen ergeben sie das Bild dreier Generationen im Konkurrenzkampf. "Die Alten feiern Geburtstag und die Jungen gräbt man ein", das ist der Satz. Caro, die Mutter, steht da mit einem Kürbis vorm Bauch, ihr Sohn, Mani, redet vom Hoffen und Wichsen. Caro löffelt die Kerne aus der Frucht, verstreut sie als beziehungslose Punkte auf der Bühne, es sind ihre Kinder, deren Leben. Hier steht alles still, jeder blockiert jeden. Sie kriegen keine Linie rein, sie kommen nicht raus. Es bringt sie um, es sprengt ihnen den Schädel, so wie der Vater, Kurt, den Kürbis zerstampft. Fruchtfleisch am Schuh, ein paar Brocken sammelt er auf und tut sie in ein Einmachglas. Als Rest, als Speicher, als Erinnerung. Als Geschichte im Keller. Aber auch: als Zukunftskonserve. Als Reagenzglas. Dies ist ein schöner, konstruktiver Trick von Brucker, in all der destruktiven, hoffnungslosen Wiederholung, der Fruchtlosigkeit, dem Kulissenleben. Die Inszenierung stellt, wie Palmetshofers Text, die Frage nach dem Neuanfang. Nach dem Systemwechsel. "Man müsste", sagt Kurt zu Beginn, "das Vögeln neu erfinden". Die Kerne im Glas markieren so einen Anfang. Keinen Ausweg, aber eine Idee. Ein Anderes, irgendwas. Ein Möglicherweisevielleicht.

Jan Oberländer, 13:57 Uhr

Haustiere im Schwitzkasten

Was Kinder wissen wollen – die Top Three der Fragen an die Schauspieler nach den ersten beiden Kinderstücke-Vorstellungen:

1) Habt ihr Haustiere? (Im Stück kommen ausnahmsweise mal keine Tiere vor.)

2) Warum schwitzt ihr so? (Im Zelt am Wasserbahnhof ist es gefühlte 45° heiß.)

3) Seid ihr zusammen? (Im Stück spielen die beiden den Wolf und das Schaf.)

Anne Peter, 15:48 Uhr

Abbau

In "Lieblingsmenschen" leben fünf schicke junge Menschen präzise aneinander vorbei. Studieren irgendwas und reden nicht drüber, gehen zusammen ins Bett und haben eigentlich gar keine Lust. Sind sich selbst schon zu viel, aber sehnen sich, sehnen sich ganz arg. Irgendwann fällt der Strom aus auf der hellen, kühlen, glatten Bühne, dann leuchten ein paar iBooks im Dunkeln. Kleine Lichter im großen Nichts. Applaus, Bravos, Verbeugungsrunden. Als das Publikum den Saal verlassen hat, beginnt ein anderes Stück, die Umkehrung des ersten. Die Crew tritt auf, schwarze T-Shirts, Cargohosen, Arbeitshandschuhe mit abgeschnittenen Daumen- und Zeigefingerspitzen. Einer löst die Bodenschrauben, ein anderer sammelt sie ein, zwei hebeln eine Plexiglaswand aus ihrer Verankerung, der nächste stellt den Rollwagen bereit. Ein Bärtiger greift sich den Stuhl, auf dem kurz vorher noch ein hübscher Lockenkopf vor seinem Laptop saß, steigt drauf und nimmt ein Kabel ab. "Das ist Arbeit! Echte Arbeit! Damit verdien ich was, um zu leben, kapiert ihr?" So steht es im Theatertext, hier herrscht ein anderer Ton. Kurze Kommandos, ein "Stopp!", ein Ächzen. "Und weg damit!" Akkuschrauber surren, alles greift ineinander. "Nichts kann er, der Idiot!" Es klingt zärtlich, weil es nicht wahr ist. Grinsen. Schluss. "Kommt, Rauchen!" Nach einer Stunde ist die Bühne leer, das letzte Licht fällt auf den mattschwarzen Boden, die Grundlage für jede immer wieder neue Welt.

Jan Oberländer, 16:47 Uhr

It's magic!

Plüschkaninchen und Kartentricks auf dem "Stücke"-Fest im Theater an der Ruhr! Das Publikum im Gartenzelt ist schon beim ersten Zwischenapplaus so dermaßen dabei, dass im Takt geklatscht wird. Zauberer Markus Zink ist allerdings kein stabschwingender Spitzbart-und-Zylinder-Beau. Er ist eher ein Typ, der sich ein Theatermesser ins Auge haut, oder eine Plastikaxt in den wirrhaarigen Kopf, um grimassierend auszustellen, was es für Dooftricks gibt in der Illusionistenszene. Und während das Publikum noch über sein Gehampel lacht, pflückt Zink dann einfach mal zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht Tischtennisbälle aus der dünnen Luft. Wohlgemerkt: nur mit Socken und einem riesigen grünen Brillengestell bekleidet. Da guckst du. Der Mann kann nämlich wirklich zaubern, ich erfahre das am eigenen Leib, als er mir einen Zettel in die Hand drückt, auf dem die Zauberformel steht, die mich ganz wundersam verwandelt. Zuerst aber sagt Zink die nächste Nummer an: Eine Zuschauerin muss mit grünem Edding auf einer Spielkarte unterschreiben, dann wird das Blatt gemischt und Zink hält drei Finger hoch. Mein Zeichen. "Ich bin Arnold Schwarzenegger!" rufe ich, das ist die Formel. Ja, toll, bitte mal aufstehen. Bitte mal zusammen mit einem Mitverwandelten, der resigniert etwas von Jeden-Tag-ins-Fitnesstudio piepst, ein mit algigem Brackwasser gefülltes Aquarium auf die Bühne heben. Dieses jetzt bitte mal mit diabolischem Grinsen präsentieren. Warum eigentlich diabolisch? Weil die Brühe wirklich ziemlich ungesund aussieht? Als festgefrorene gute Miene zum teuflischen Spiel? Ich fletsche die Zähne. Zink grinst, Zink schwitzt, Zauberei ist anstrengend, er holt ein Deospray raus, mein Bac, pft, dein Bac, pft, jetzt riechen wir alle nach herbem Mann. Und dann geht’s los, das Kartenspiel fliegt ins Wasser, der Meister setzt die Taucherbrille auf. Er werde jetzt, verkündet Zink, die unterschriebene Karte aus dem Trüben fischen. Mit dem Mund! Bloß könne er leider keinen Handstand. Also darf ich zusammen mit Freund Fitness den sehnigen Magier an den Beinen fassen und kopfüber ins Becken stecken. Das klappt auch, jedenfalls beim zweiten Versuch, als Zink sich nicht mehr ganz so schwer macht. Prustend taucht er wieder auf, stellt sich auf die Füße und klaubt ein ziemlich zerkaut aussehendes Stück Karton aus seinem Mund. Eine durchweichte Spielkarte, Karodame, komplett mit grüner Unterschrift, ich kann das ganz genau sehen. Danke, Applaus. Später, beim Rausgehen, fragt ein Junge nach einem Autogramm. Ich ziere mich, aber er insistiert. Ich unterschreibe auf seinem Arm, mit Kuli. "Auf dem anderen auch!". Ich unterschreibe nochmal. Der Junge strahlt seinen kleinen Bruder an: "Ich hab ein Autogramm von Arnold Schwarzenegger!" Und ich wundere mich, was ein paar Zauberworte und ein bisschen Zauberspray aus mir gemacht haben. Auf dem Weg zurück ins Theater rüttele ich, als keiner guckt, an einem Baum.

Jan Oberländer, 12:42 Uhr

Heiß aufs Kapital

Mist! Sag mir doch mal einer, wie man so 'nen Automaten besteigt. So ein Mistding. So 'n scheiß Kartenschlucker. Der soll sich jetzt bitteschön mal besteigen lassen. Ich investier doch schließlich was in den. Ich steck da doch schließlich was rein. Da versuche ich, mit so 'nem Scheißding eine Beziehung aufzubauen. Und das Ding will sie gar nicht, meine Beziehung. Das will gar nicht sozial eingebunden werden. Das da will gar nicht emotional angesprochen werden. Das reagiert gar nicht auf die Signale, die ich hier permanent aussende. Das versteht den Code einfach nicht. Da kann ich noch so viele Zahlen in die Tastatur eingeben, bei dem funktioniert das einfach nicht. Das produziert überhaupt keine positiven Gefühle bei dem. Dabei fühle ich mich total sexualisiert. Ich stecke in diesem total sexualisierten Körper und komm an diese Maschine einfach nicht ran. Da wird immer geredet von der Vereinigung von Mensch und Maschine und dann das. Das geht mit dem gar nicht. Ich wüsste gar nicht, wo ich da anfangen sollte mit dem Umarmen. Trotzdem bin ich irgendwie total sexualisiert von dem. Ich meine, so 'n Bankautomat, der hat auf mich doch die gleiche Wirkung wie George Clooney. Bei dem weiß ich ja auch nicht, ob es seine Augen sind oder sein schauspielerisches Talent oder die Kreditkarten in seiner Smoking-Tasche. Oder das ganze kulturelle Kapital, das der mit sich rumschleppt. Ich meine, der ist ja praktisch Hollywood. Der repräsentiert ja nicht nur Michael Clayton oder Danny Ocean, der repräsentiert ja auch noch das ganze Geld und die Villen, die da so rumstehn. Und ich weiß jetzt gar nicht, ob ich lieber mit George Clooney oder mit Danny Ocean auf der Yacht sitzen würde. Jedenfalls vor so 'nem Automat stehen, das ist wie George Clooney in der Fußgängerzone. Ich komm einfach nicht an den dran. Ich weiß gar nicht, wohin mit meinem sexualisierten Körper. So 'n Ding hat ja keine Biologie. Das ist total anorganisch. Da kann man mit Psychologie überhaupt gar nichts neutralisieren. Der steht da einfach so. Ist ja irgendwie auch beruhigend. Dass der immer da ist, der Automat. Der ist immer da, und da ist immer Geld drin. Das find ich ja so attraktiv an dem. Ich meine, das ist doch total sexy, dass da einer ist, und der ist immer da und hat immer Geld für mich. Der spuckt die Scheine einfach aus, wenn ich die Karte reinstecke. Karte rein, Geld raus, ganz einfach. Das ist 'ne total binäre Beziehung. Mit dem ist alles ganz unkompliziert. Der kommt dir nicht dauernd mit dieser ganzen zwischenmenschlichen Scheiße. Der rennt auch nicht weg, der steht da einfach. Der will gar nicht, dass du den Abwasch machst oder mit ihm ins Bett gehst oder so. Obwohl mein sexualisierter Körper, der vielleicht gar nicht Ich ist, das ja eigentlich gern würde. Aber der Automat verlangt das gar nicht. Der liebt dich einfach. Steht da und liebt dich. Geben und Nehmen, das ist nämlich ganz klar geregelt in so einer Beziehung, in so einer Tauschbeziehung mit einem Automaten. Karte rein, Geld raus. Ich meine, was will man mehr. Das ist total binär, das alles. Nur besteigen lässt er sich nicht. Dabei will ich doch wohin. Ich will jetzt endlich mal über den rübersteigen. Mist-Automat. Verdammt!

Anne Peter, 1:36 Uhr

Klatsch!

WANN KANN ICH ENDLICH MIT EINEM JOURNALISTEN REDEN OHNE DASS MEINE WORTE AM NÄCHSTEN TAG IM INTERNET STEHEN?

René Pollesch hat mich gefickt. Bitte beruhigen Sie sich und lesen Sie einfach weiter. Nach der Vorstellung von "Liebe ist kälter als das Kapital" stehen wir im Stadthallenfoyer, lockerer Kreis, fünf, sechs Leute. Plötzlich steht Pollesch da, und schnell sind wir mitten in einem lebhaften Gespräch über die Frage, warum da eben auf der Bühne eigentlich echte Ohrfeigen verteilt wurden. Polleschs Text zitiert immer wieder John Cassavetes’ Film "Opening Night", in dem eine Schauspielerin sich weigert, ihr Gesicht für eine Ohrfeigenszene hinzuhalten. Schließlich ist es ihre eigene Wange, die schmerzt, wenn ihre "Figur" geschlagen wird. Die Frage ist nun: Wenn man in Polleschs System denkt – warum muss dann das, wovon auf der Bühne die Rede ist, auch noch illustriert werden? Warum müssen Polleschs Akteure, wenn sie über Schauspieler nachdenken, die sich gegenseitig Backpfeifen verpassen, dann auch tatsächlich drauflos watschen? Ist das nicht Repräsentation pur? Pollesch sagt, seine Spieler hätten sich nun mal entschieden, das so zu machen, er sei ja kein Regiediktator, der so was prinzipiell verbiete. Außerdem sollte man auf die Unterschiede achten: Die in der Inszenierung von "Liebe ist kälter..." pausenlos hin- und herfliegenden Klatscher sind ja nicht, wie im Film, Gewaltakte, die patriarchalische und sexistische Strukturen zementieren. Hier klatscht jeder jeden. Freiwillig. Reflektiert. Und mit der Möglichkeit, jederzeit auszusteigen. Weh tut's übrigens auch nicht, haben zumindest die Schauspieler bei der Publikumsdiskussion gesagt. In einem anderen Stück, erinnert sich Pollesch gutgelaunt und springt illustrationsfreudig hinter mich, habe er ähnlich sinnentleerte, entlarvende Szenen inszeniert. Die Schauspieler hätten Sex simuliert, durch bescheuertes Ruckeln, quasi Anti-Sex, nämlich so. Und so. Und so kam ich zu einem ziemlich spektakulären ersten Satz. Können Sie ruhig zugeben.

Jan Oberländer, 22:57 Uhr

Glühbirnenhimmel

Die Metapher könnte kaum höher hängen. "Heaven". Himmel. In Armin Petras Inszenierung ist es ein Glühbirnenhimmel. Elektrische Sterne zum An- und Ausknipsen. In einem Drahtgeflecht, das einen kleinen Teil der linken Bühnenseite beschirmt, Schnürbodengeburt. Sie sind dort hinmontiert und leuchten nur, wenn ein Techniker auf einen Knopf drückt. Utopie als Menschenmachwerk.
Simone sagt: "ich weiß gar nicht wie das geht mit dem beten / ich stelle mir einfach den himmel vor n schluck martini und dann geht’s los / himmel himmel kannst du mich hören". Fritzi Haberlandt sitzt auf einem Lautsprecher, legt den Kopf in den Nacken und fragt inbrünstig in die Lämpchen, die nicht leuchten wollen: "himmel was soll ich tun"? Der Himmel schweigt und bleibt dunkel.
Es ist Robert, der Simone auf- und hinaufhelfen muss, dass sie ihm näher rücke. Er ist bereit, all seine Pfandflaschen, Pfand auch seiner ganzen Zukunft und Pläne, herzugeben, damit Simone, die Vogelstimmenliebhaberin, fliegen kann, durch den Himmel über den Atlantik nach Amerika. Zu ihrem Anders, der all ihr Himmel ist. Einen Sack nach dem anderen, gefüllt mit den Plastikflaschen, schleppt er herbei und baut für Simone die wackelige Himmelsleiter. "Mensch, Robert! – Mehr!"
Während sie sich kurz zuvor noch mit einem Sprung auf den Flaschensack vom Häuserblockklotz zu Tode stürzen wollte, klettert sie jetzt auf ihm empor, strahlt ihre kindliche Freude übers ganze Gesicht und reckt die Hände hoch gen Bühnenbild-Sterne. Sie greift nach ihren Sternen, die Anders heißen und Amerika. Mit lachend leuchtender Stimme: "Anders, ich komm jetzt!" Weiter geht der Himmel für Simone nicht. Unerreichbar genug.
Gern würde sie mit Anders das Spiel spielen, von dem Helga erzählt: "wir tanzten und spielten dass wir sterne seien sterne am himmel des anderen". Jene frühen Sterne sind lange schon verglüht für Helga und Königsforst. Er findet neues Licht für kurze Zeit: Simone. Sternschnuppe, die nur kurz überstrahlt, was er längst weiß. "Ich habe keinen Himmel mehr über mir es gibt nur noch / einen leeren Raum / und ich bin nicht geboren sondern / ausgeliefert".

Anne Peter, 18:11 Uhr

Auf dem Boulevard

Das "Adria" ist für Loser. Mülheim-Kenner setzen sich rüber ins Eiscafé "Agnoli", um zu gucken und geguckt zu werden. Die Spaghettieiskarte hier ist sehr bunt. Wer sie aufschlägt, schaut auf eine Ansammlung psychedelischer Fotos von glitzerndem Space-Börks. Das sich aus waberndem Photoshop-Nebel erhebende Angebot "Kinder (nur für Kinder)" etwa sieht aus, als hätte Signore Agnoli einen Clown in den Mixer gesteckt, gerade so lange, dass das Ergebnis feinstückig und farbenfroh bleibe. Auf dem "Waldfrüchte"-Haufen hat ein skrupelloser Lebensmitteldekorateur drei Blaubeeren so augenartig angeordnet, dass man erschrocken meint, einer Tiefseekrake zwischen die Kiemen zu blicken. Und "Neri" erscheint als detaillierte Innenansicht eines überfahrenen Dachses. Ebenfalls erhältlich sind "Müsli" (mit Müsli), "Spaghetti Carbonara" (mit Sahne, Vanilleeis, Eierlikör, durchwachsenem Speck, Parmesan) und natürlich "Eis", der All-Time-Fave. Erdbeersoße, weiße Schokoraspeln. Mit langem Löffel speisen, dazu ein anregendes Gespräch – gar nicht mal so unsommerlich!

Jan Oberländer, 01:40 Uhr


Wände

In Heaven steht ein weißer Kasten auf der Bühne. Auf seinen Wänden sieht man Plattenbauten aus Ruinen auferstehen und wieder zu Ruinen werden, schwirren Video-Raben durch rotweißes Blitzen, klaffen tote Fenster unter schnellen Wolken. Die Wand, an ihr spielt sich das Drama ab. Simone kriecht aus ihrem Kindheitskellerloch, ein rotes Spielzeugauto an der Schnur, die Feuerwehr, die Rettung, bloß fährt sie ihre Leiter niemals aus. In Richtung Lichterkettenhimmel steigt sie hoch auf Roberts Plastikflaschenturm. Der schwimmt im Leergut, im Trotzdem, in tausend Möglichkeiten. Simone, guck doch mal, und sei nicht traurig, da ist immer noch genug Pfand auf den Flaschen. Simone guckt nicht, auch wenn dann Robert glücklich wäre. Auch ihr Bruder guckt nie, klebt sternlos fest, die Arme auf den Knien, ein Bier, Braunglas, acht Cent, mit weißer Wand im Rücken und nichts vor. Ihn frisst der Rabe Anders, schmeißt ihn, schmiert ihn blutig an die Wand. Anders, der Mann mit zwei Gesichtern, Nacht- und Tagsgespenst. Eines geschwärzt, verschmiert, das andere euphorisch, groß nach oben weg, ein Architekt, der Glasziegel verbaut, da kommt die Sonne durch. Nur kommt sie niemals an: Den Schluss deckt eine dunkle Plastikplane zu, und auch die Wand, an der sich nichts mehr zeigt.

Jan Oberländer, 22:55 Uhr


Nachtschicht 1

"Ah, die Nachtschicht!", so werden wir von einem fröhlichen Techniker begrüßt. Er trägt einen Scheinwerfer und ein Maxim-Gorki-Theater-T-Shirt. Die Aufbauarbeiten für Fritz Katers "Heaven (zu tristan)" laufen auf Hochtouren, eigens für das Stücke-Festival wurde die Mülheimer Stadthallenbühne abgesenkt, sieben Tonnen Drehbühnentechnik drüberinstalliert und die Ecken wieder dichtgeschreinert. So was Ähnliches machen wir auch, bloß brauchen wir weniger Muskeln dafür. Redigieren, formatieren, Wörter schwarz, braun und rot färben. Bis Mitternacht hat man Hunger auf Lakritze, danach wird man albern, und irgendwann ist man richtig online: Tunnelblick, Mausklicks im Rhythmus, Selbstgespräche. In unserem E-Mail-Interview antwortet Fritz Kater auf die Frage, was ein gutes Drama sei: "es lässt mich nicht schlafen". Finden wir auch. Um fünf ist, naja, Feierabend. Die Vögel sind schon in Partylaune.

Jan Oberländer, 16:50 Uhr

Kein Essen mit Texten

Auf der Suche nach dem italienischen Restaurant. Nach dem italienischen Restaurant, wo die Texte von Elfriede Jelinek speisen. Oder gern gespeist hätten, denn sie haben die Tür ja nicht aufgekriegt. Wir hätten sie ihnen gern aufgehalten und sie mit zu uns an den Tisch genommen. Ihnen zu essen gegeben, auch wenn sie zu Hause eigentlich ja schon zu viel bekommen. Ihnen unser Ohr geliehen, versucht, ihr Flüstern zu verstehen und darüber wahrscheinlich sogar das Essen vergessen.
Leider begegnen wir weder den Texten (vielleicht sind sie in diesem Jahr auch nicht vor Ort?) noch finden wir den Italiener. Immer noch Hunger. Das verkürzt die Suche. Wir landen im wenig anheimelnden, aber auf dem Weg gelegenen "Nudelland". An Landschaft hat es hier Plastikpflanzen und immerhin echte Benjamini. In deren Gesellschaft kann man Soßen und Pizzabelege frei kombinieren. Zu diesem Zeitpunkt sind wir nicht eben wählerisch.
Ob es den Texten geschmeckt hätte, ist zu bezweifeln. Wir werden in den nächsten Tagen weiter nach ihnen Ausschau halten.

Anne Peter, 17:02 Uhr

Nach Mülheim!

Wir sind unterwegs. ICE 548 nach Essen.

Jan Oberländer und Anne Peter, 16:12 Uhr